Rheinberger AG

1882: Gründung der Schuhfabrik Eduard Rheinberger GmbH

1973: Verkauf der Eduard Rheinberger AG an zwei Privatbanken

Die Entwicklung Rheinbergers vom Klein- zum Industriebetrieb

Stepperinnen bei Rheinberger[Bild: Stadtarchiv Pirmasens]

Am 1. August 1882 gründete Eduard Rheinberger, nach seiner Ausbildung in der Schuhfabrik Hartneck und der gemeinsamen Leitung des brüderlichen Betriebs, im Alter von 26 Jahren die Schuhfabrik Eduard Rheinberger GmbH in Pirmasens.

Sein Betrieb lag zuerst im ehemaligen „Landgräflichen Husarenstall“ und umfasste etwa zwölf Arbeiter. Nach drei Jahren erfolgte der Umzug in ein größeres Fabrikgebäude am Exerzierplatz. 1886 wurde der erste Gasmotor, 1890 eine Kesselanlage mit einer 25 PS Dampfmaschine im Betrieb installiert, womit der „Übergang von der Manufaktur (in der Maschinen von Hand angetrieben wurden) zur Fabrik (in der Dampf, später auch Gas oder Strom als Antriebskraft genutzt werden)“ (Rothenberger 2001, S. 138) geleistet war. Bereits in der Anfangszeit ging man dazu über, nicht nur günstige Stoffpantoffeln zu fertigen, sondern vollwertige Schuhe und Stiefel aus Leder.

Mit dem Ausbau des Kundenstamms wurden Erweiterungsbauten notwendig und nach der Jahrhundertwende wurde auf einem Gelände in der Schachenstraße „ein auf modernsten Fabrikationsgrundlagen aufgebauter Großbetrieb“ (Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften 1937, S. 958) errichtet. Damit hatte der systematische Aufbau eines Betriebsgeländes begonnen, das 1925 durch einen quadratischen Eckbau, besser bekannt als Hans-Sachs-Bau, ergänzt wurde.

Der Erste Weltkrieg als Einschnitt für das Unternehmen

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges zählte die Schuhfabrik etwa 1.500 Beschäftigte. In Folge des Krieges wurde die Produktion auf Erzeugnisse mit einem geringen Lederanteil umgestellt und obwohl die Vertriebswege nach Elsass-Lothringen und Luxemburg nicht mehr gangbar waren, und Schuhe aus diesen Gebieten nicht mehr nachgefragt wurden, reichten die Materiallieferungen für die Produktion nicht aus. Weitere Einschnitte für Rheinberger waren der Tod des Firmengründers 1918 und die Ausweisung der beiden Söhne Gustav und Robert Rheinberger aus dem besetzten Gebiet im Jahr 1923, die den Betrieb nun aus Mannheim und Heidelberg leiten mussten und erst am Ende des Jahres zurückkehren konnten.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Am 27.12.1922 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, deren Anteilseigner ausschließlich Mitglieder der Familie Rheinberger waren.
Da sich die Rheinberger AG zu Beginn der 1930er Jahre immer mehr der preisgünstigeren Konkurrenz erwehren musste, insbesondere des tschechoslowakischen Unternehmens Bata, führte man die stark umsatzfördernde Marke „Rheinberger“ ein.

Die Rheinberger AG schaffte verschiedene Maschinen an, um den täglichen Ausstoß an Schuhen zu steigern und somit preisgünstiger zu produzieren. Zu den Neuanschaffungen zählten spezielle Nähmaschinen „mit 2 und 4 Nadeln, mit der Möglichkeit der Umschaltung von Stepp- auf Kettenstich, automatisch arbeitende Knopfloch- und Riegelmaschinen, Ösenmaschinen, die gleichzeitig an beiden Seiten des Schuhes die Ösen einsetzten, Schaftschnürmaschinen“ (Eduard Rheinberger AG 1957, S. 144) und weitere Maschinen, welche die Verarbeitung erleichterten. Bei der Optimierung des Produktionsprozesses spielte die Einführung des Fließbandes in der Schuhfabrik Rheinberger keine bedeutende Rolle. Durch seinen Einsatz konnte zwar die Umlaufzeit der Schuhe im Betrieb verkürzt und auch die Arbeitsleistung der Beschäftigten gesteigert werden. Trotzdem verzichtete die Rheinberger AG, wie auch einige ihrer größten Konkurrenten, darunter die Firma Salamander in der Nähe von Stuttgart, auf das Fließband als Rationalisierungsmaßnahme. Man schien sich in der Schuhindustrie einig zu sein, dass das Fließband „unökonomisch“ (Sudrow 2010, S. 222) sei. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass es nicht die in dieser Branche nötigen Voraussetzungen mit sich brachte, die Vorteile eines Werkzeuges und einer Maschine miteinander zu verbinden.

Als überaus nützlich hingegen erwies sich die Ago-Presse. Sie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom italienischen Gerbereichemiker Francesco Rampicini erfunden worden und kombinierte mehrere Arbeitsschritte. In ihr konnten das Oberleder sowie die Sohlen aufgeraut werden, bevor diese dann in einem nächsten Schritt verklebt und zum fertigen Schuh gepresst  wurden. Das Fertigungsverfahren hatte anfangs noch den Nachteil, dass keine Klebstoffe vorhanden waren, welche schnell aushärteten und die Schuhe mindestens eine Stunde in der Presse liegen bleiben mussten. Erst ab den 40er Jahren, als auch normale Straßenschuhe mit diesem Verfahren hergestellt wurden, konnte der prozesstechnische Vorteil voll genutzt werden. Die Verwendung von Ago-Pressen ist für die Rheinberger AG ist bis in die 50er Jahre in Bildern dokumentiert.

Die Rheinberger AG im Umfeld nationalsozialistischer Ideologie

Die nationalsozialistische Ideologie beeinflusste die Schuhindustrie in der Entwicklung von Schuhmodellen und ihrem Absatz. Wie auch andere große Betriebe entzog sich die Rheinberger AG diesem Einfluss nicht. Sie war in die nationalsozialistische Wirtschaftsorganisation auf der Ebene der Schuhentwicklung in mehrfacher Hinsicht integriert und profitierte insbesondere von der verstärkten Nachfrage nach ihren Produkten durch militärische und paramilitärische Organisationen der Nationalsozialisten.

Die Rheinberger AG ließ ihre Produkte auf der Schuhprüfstrecke im Konzentrationslager Sachsenhausen testen. Dies ist durch den Bericht eines Vertreters der Wirtschaftsgruppe Leder von Oktober 1940 dokumentiert, die die Aufsicht über die Versuche im Konzentrationslager hatte. Dass solche Experimente den Trägern der Schuhe Schaden zufügten, wurde in den Aufzeichnungen der Schuhprüfstelle nicht erwähnt, da an sie „die Auftraggeber, Wissenschaftler und Organisatoren der Trageversuche am wenigsten Gedanken verloren.“ (Sudrow 2010, S. 533). Es ist aber aufgrund der Laufleistung der Schuhe, die bis zu 3.000 km betrug und damit einer Laufdauer von 75 Tagen entsprach, davon auszugehen, dass die Schuhfabriken den durch die Versuche verursachten Erschöpfungszustand der Häftlinge kannten.

Die Rheinberger AG beteiligte sich außerdem an der vom Ökonomen Wilhelm Vershofen begegründeten Verbrauchsforschung. Mit diesem Forschungsbereich unterstützte Vershofen die autoritär ausgerichtete Wirtschaftspolitik der 30er und frühen 40er Jahre und damit die nationalsozialistische Autarkiepolitik. Vershofen initiierte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) als Forschungsinstitution. Im Sinne einer wissenschaftlich betriebenen Verbrauchsforschung wollten die Mitgliedsunternehmen, zu denen Rheinberger als eines der ersten gehörte, über Befragungen von Kunden deren Konsumgewohnheiten und Markenpräferenzen ermitteln. Das Ziel dieser Befragungen lag vorrangig darin, den Absatz der Unternehmen zu steigern.

Das stärkste wirtschaftliche Wachstum erlebte die Rheinberger AG in den Jahren 1932-1935, in denen die Belegschaft von Mitte 1933 bis Mitte 1935 von 1.384 auf schließlich 2.089 Beschäftigte stieg. Thomas Behres begründet diese rasante Entwicklung mit dem Wettbewerbsvorteil der Schuhherstellers: „Im Gegensatz zum Großteil der Pirmasenser Schuhindustrie hatte Rheinberger 1935 mit der Fertigung von schwerem Schuhwerk, wie es die nationalsozialistischen Organisationen und das Militär nachfragten, begonnen.“ (Behres 1998, S. 140). Dass die Rheinberger AG ihre Produktion stärker auf Militärschuhe ausrichtete, zeigt sich, wenn man die Herstellungszahlen der Jahre 1935 bis 1939 vergleicht. Produzierte das Unternehmen 1935 erst etwa 32.000 Paar militärisch genutzte Schuhe, waren es im Jahr des Kriegsbeginns bereits 62.000 Paar.

Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges

Das Unternehmen Rheinberger litt an den Folgen des 1939 ausbrechenden Krieges. Wegen des Räumungsbefehls für den südpfälzischen Raum Anfang September mussten die Beschäftigten ihre Arbeit niederlegen und in sogenannte Auffanggebiete ziehen. In einer firmeneigenen Publikation wird beschrieben, dass Gustav Rheinberger durch Verhandlungen „meist in Berlin“ den weiteren Betrieb sichern konnte. Außerdem sei es gelungen, „schon in der zweiten Septemberwoche in Offenbach am Main an drei Stellen Säle oder Abteilungen zu finden, um zunächst die überzuführenden mehrere tausend Kisten und Säcke voll halbfertiger Ware, Materialien, Leisten usw., die Waggons mit Ledern und vor allem die über 2000 Maschinen zu lagern.“ (Eduard Rheinberger AG 1957, S. 146). Positiv auf das neue Werk in Offenbach wirkte sich die Unterstützung der Stadtverwaltung bei der Unterbringung Pirmasenser Facharbeiter aus.

Am 26.8.1940 konnte die Arbeit in Pirmasens wieder aufgenommen werden. Allerdings wurde das Werk in Offenbach durch Brände in Folge eines Fliegerangriffs am 19. März 1944 zerstört und auch der Betrieb in Pirmasens brannte in den Nächten vom 19./20. und 20./21. März zu mehr als der Hälfte aus.

Nachkriegsentwicklung

Die frühere Schuhfabrik Rheinberger in Pirmasens[Bild: Juliane Märker]

Wenige Tage nach Kriegsende wurde mit den Aufräumarbeiten, also dem Abtragen von Schutt und der provisorischen Errichtung einer Werkhalle in Pirmasens begonnen. Die französische Militärregierung machte hier zur Auflage, nur 10 Prozent der früheren Produktion zu erbringen, während der Offenbacher Betrieb in der Bizone mit Aufträgen aushalf und somit wesentlich zum Weiterbestehen des Unternehmens Rheinberger beitrug. Ein weiterer Rückschlag war die Demontage von 200 Maschinen, die nach Frankreich verbracht wurden. 1952 hatte sich die Rheinberger AG von den Kriegsfolgen insoweit erholt, dass sie wöchentlich 7.000 Paar Schuhe produzierte. Sie lag damit aber weit hinter der größten europäischen Schuhfabrik Salamander AG (Kornwestheim), die 1954 täglich allein 32.000 Paar Schuhe herstellte.

Dass das Unternehmen Rheinberger 1973, also fünf Jahre nach dem Tod Gustav Rheinbergers, an zwei Privatbanken verkauft werden musste, hat vermutlich mehrere Gründe. Man erreichte nicht mehr den hohen Beschäftigungsstand aus der Mitte der 1930er Jahre und auch nicht die damit einhergehende Produktionsleistung. Rheinberger blieb, anders als andere Schuhbetriebe, am Standort Pirmasens und nutzte damit nicht das Lohngefälle zwischen Stadt und Land oder andere Vorteile der für die Ansiedelung von Industrie geeigneten Landgemeinden. Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass 1963 nur noch ein Drittel der in der Pfalz erzeugten Schuhe in Pirmasens hergestellt wurden. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es zwei Drittel und in den fünfziger Jahren immerhin noch die Hälfte. Ein weiterer Grund für die ungünstige wirtschaftliche Entwicklung waren sicherlich unternehmerische Entscheidungen. Im Gegensatz zu anderen Schuhfabriken verzichtete man auf ein wichtiges Aushängeschild und eine potenzielle Absatzquelle, die Werksverkaufsläden.

von Sabrina Erbach

April 2013