Unternehmensgeschichte der Alfred Sternjakob GmbH & Co. KG

1934: Gründung in Pirmasens

1956: Verlagerung des Standortes nach Frankenthal

1990: Verkauf an die Steinmann Unternehmensgruppe

2017: Schließung des Standortes Frankenthal

0.1.Gründung in schwierigen Zeiten

[Bild: Stadtarchiv Frankenthal]

Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte die Südwestpfalz zu den Zentren der Lederindustrie in Deutschland. Insbesondere die Stadt Pirmasens (s. folgende Karte) mit ihren zahlreichen Schuhfabriken, in denen über Deutschland hinaus bekannte Markenschuhe produziert wurden, kann auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch als Leder- und Schuhmetropole von internationaler Bedeutung bezeichnet werden. Von der Handarbeit entwickelte sich die Schuhherstellung ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer maschinellen Produktion in Großbetrieben. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg existierten in Pirmasens 205 Schuhfabriken.

Der Weltkrieg und die Krise der Nachkriegszeit wirkten sich negativ auf die Schuhindustrie aus. [Anm. 1] Dennoch „blieb Pirmasens [in den 1920er Jahren] trotz Inflation und Wirtschaftskrise das Zentrum der deutschen Schuhindustrie“ [Anm. 2] , wo ein Sechstel aller Schuhe in Deutschland hergestellt wurden. Die Zahl der Betriebe stieg auf 263, in denen 13.726 Arbeiter tätig waren, an. [Anm. 3] Zum Ende des Jahres 1933 gab es laut der Statistik in Pirmasens 334 Schuhfirmen, davon vier Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten. Neben den Großbetrieben existierte auch eine Vielzahl von Kleinbetrieben mit weniger als 20 Beschäftigten. Zwischen 1933 und 1937 waren sogar über drei Viertel der Schuhfirmen Kleinbetriebe. [Anm. 4] Ab Mitte 1934 waren insbesondere die kleinen Betriebe von der mangelnden Nachfrage im Inland und im Ausland sowie Problemen bei der Lederbeschaffung und anderen Rohstoffen betroffen. [Anm. 5] Im selben Jahr gründete Alfred Sternjakob in Pirmasens eine Lederwarenfabrik, die außerdem Handel mit Leder und Lederabfällen betrieb. [Anm. 6] Zu dieser Zeit produzierte das kleine Unternehmen Arbeitshandschuhe und Ledertaschen. [Anm. 7] Über die Zeit des Unternehmens im Nationalsozialismus konnten keine weiteren Informationen ermittelt werden. [Anm. 8]

Nachkriegszeit

[Bild: Maximilian Dörrbecker [CC BY-SA 2.5]]

Den Kern der Produktion der Alfred Sternjakob GmbH & Co. KG nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten Koffer und Taschen. [Anm. 9] Zu Beginn der 1950er Jahren wurde der Produktionsbetrieb aus politischen Gründen in das etwa 90 Kilometer entfernte Frankenthal verlegt. In der pfälzischen Kleinstadt waren zu dieser Zeit mehrere industrielle große und mittelständische Unternehmen ansässig. Den Schwerpunkt der industriellen Erzeugung Frankenthals bildete in den 1960er Jahren die eisen- und metallverarbeitende Industrie. 1964 entfielen 63% des Gesamtumsatzes der Industrie auf diese Branche. Zum zweiten tragenden Produktionsbereich hatte sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges die kunststoff- und lederverarbeitende Industrie entwickelt. Auf diese Branche entfielen 1964 25% des industriellen Gesamtumsatzes. Dieser Wirtschaftszweig wurde von sechs Betrieben repräsentiert.

Das zweitgrößte Unternehmen stellte die Alfred Sternjakob GmbH & Co. KG dar, wo etwa 300 Mitarbeiter beschäftigt waren. Zu den Produkten gehörten neben Einkaufs- und Stadttaschen auch Luft- und Reisegepäck. [Anm. 10] Ein Teil der hergestellten Waren wurde exportiert. Die Zweigniederlassung in Pirmasens war bis zu ihrer Schließung 1956 [Anm. 11] für die Verwaltung, Ein- und Verkauf sowie den Handel zuständig. [Anm. 12] 1954 trat der noch minderjährige Sohn des Unternehmensgründers, Manfred Sternjakob, vertreten durch einen rechtlichen Vormund, als Kommanditist in die Firma ein. [Anm. 13]

[Bild: IGL Bildarchiv]

Mit der Markteinführung des bekannten Scout-Schulranzens 1975 gelang der Firma aus Frankenthal nicht nur „eine Innovation und der Aufbau einer starken Marke“ [Anm. 14] , sondern eine „Revolution des Schulranzens“. [Anm. 15] Das schwere Leder der vorangegangenen Schulrucksäcke wurde durch „leichte Kunststoffteile und fluoreszierendes Gewebe […] ersetzt“. [Anm. 16] Sternjakob wurde zum Marktführer [Anm. 17] im Bereich Schulranzen. Das Produkt wurde zum Trendsetter und zählt bis heute mehr als 11 Millionen verkaufte Exemplare. [Anm. 18] Fast jedes zweite Schulkind beginnt seine Schullaufbahn mit einem Schulranzen von Scout. [Anm. 19] Der Scout-Schulranzen gilt bis heute als Symbol bzw. Synonym für Schultaschen. [Anm. 20] So ist er auch im kulturhistorischen Museum in Berlin zu finden. [Anm. 21] Motivation für die Entwicklung des Scout-Schulranzens war für Sternjakob neben dem Gewicht der Lederranzen auch deren fehlende Sicherheitsausstattung. So waren die ersten Scout-Modelle nicht nur leichter und besaßen mehr Volumen und Tragekomfort, sondern ihre Verschlüsse waren auch mit Katzenaugen versehen. [Anm. 22]

Übernahme durch Steinmann

1980 übergab Alfred Sternjakob die Geschäftsführung des Unternehmens an seinen Sohn Manfred. [Anm. 23] Zum Fortbestand des Unternehmens veranlasste Alfred Sternjakob im Zuge seines Ausscheidens eine Kapitalerhöhung, um weiterhin die Arbeitsplätze zu sichern. [Anm. 24] 1990 verkaufte Manfred Sternjakob das Unternehmen an den langjährigen Geschäftspartner Fritz Steinmann, einen Lederwarenhersteller aus Nürnberg. Seitdem gehört die Alfred Sternjakob GmbH & Co. KG zur Steinmann Unternehmensgruppe. [Anm. 25] Bereits zu dieser Zeit wurden Teile des Schulranzens in China gefertigt, in Frankenthal fand nur noch die Endmontage statt. [Anm. 26] Neben der Kultmarke Scout gehören noch die Marken 4YOU, Fastbreak, Hardware, Quer und Scouty zum Sortiment des Gepäckherstellers. [Anm. 27] Bei einigen dieser Marken, z.B. bei Scout und 4YOU, handelt es sich um „Marken von Weltruf“. [Anm. 28] Sternjakob bzw. Steinmann gehörte zu den bedeutendsten Herstellern seiner Branche weltweit. Während das Unternehmen Mitte der 1980er Jahre noch 300 Beschäftigte in Frankenthal hatte [Anm. 29] , sank die Mitarbeiterzahl auf 125 im Jahr 2012. Dabei waren nur 80 dieser Beschäftigten in der Produktion tätig, der Großteil der Fertigung fand in Asien statt. [Anm. 30] Der Jahresumsatz entwickelte sich von 25 Millionen Mark in den 1980er Jahren [Anm. 31] auf 35 Millionen Euro im Jahr 2012. [Anm. 32]

Ende des Jahres 2017 wurde der Standort Frankenthal geschlossen. Laut dem Geschäftsführer Oliver Steinmann waren unter anderem eine verbesserte Lagerlogistik und Synergieeffekte für IT-Strukturen und Vertriebswege Gründe dafür. Weiterhin „soll[t]en [so] die Wettbewerbsfähigkeit weiter erhöht sowie neue Kapazitäten für Qualitätsmanagement und Kommunikationskanäle frei werden.“ [Anm. 33] Von der Schließung des Standortes waren die noch etwa 60 verbliebenen Mitarbeiter betroffen. [Anm. 34] Nur der Werksverkauf von Scout-Schulranzen ist bis heute in Frankenthal ansässig. [Anm. 35]

von Hannah Blume, März 2020

Quellenverzeichnis:

 

  • Amtsgericht Frankenthal, Notariat I (LA Speyer Aktenbestand J31 Nr. 1319).
  • Amtsgericht Grünstadt (LA Speyer Aktenbestand J31 Nr. 1271).
  • Amtsgericht Ludwigshafen am Rhein (LA Speyer Aktenbestand J31 Nr. 1319).
  • Niederschrift über die Besprechung btr. Weiterarbeit und Belegung der Saarpfälzischen Schuhfabrikbetriebe im neuen Produktionsplan vom 9.1. 1940 (Landesarchiv Speyer Bestand H 42 Nr. 1351).
  • Städtisches Verkehrsamt und städtisches Messeamt Pirmasens (Hg.): Die deutsche Schuhstadt. Pirmasens ca. 1955.

 

Literaturverzeichnis:

 

Anmerkungen:

  1. Städtisches Verkehrsamt und städtisches Messeamt Pirmasens 1955, S. 4.  Zurück
  2. Engelen et al. 2013.  Zurück
  3. Ebd.  Zurück
  4. Vgl. Niederschrift über die Besprechung btr. Weiterarbeit und Belegung der Saarpfälzischen Schuhfabrikbetriebe im neuen Produktionsplan vom 9.1. 1940 (Landesarchiv (LA) Speyer Bestand H 42 Nr. 1351), zit. nach Behres 1998, S. 125.  Zurück
  5. Vgl. Behres 1998, S. 128ff.  Zurück
  6. Vgl. LA Speyer Bestand J31 1271.  Zurück
  7. Vgl. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  8. Die Folgen der Krise ab 1934 für die Pirmasenser Schuh- und Lederindustrie waren Zwangsversteigerungsverfahren, Unternehmensschließungen, Arbeitslosigkeit und vermehrte Kurzarbeit in der Schuh- und Lederindustrie.  Ab 1938 begann sich die Lage der Pirmasenser Schuhindustrie durch Aufträge der Wehrmacht, die mit Sonderzuteilungen von Leder verbunden waren, zu verbessern: Arbeiter wurden wiedereingestellt und die Kurzarbeit wieder zurückgefahren. 1938/39 hatte die „Pirmasenser Schuhindustrie […] endgültig an den wirtschaftlichen Aufschwung im Deutsche Reich Anschluss gefunden, anderthalb Jahre, nachdem im Deutschen Reich die Vollbeschäftigung als erreicht galt.“  Für die folgenden Jahren kann jedoch nicht von einem anhaltenden Erfolg gesprochen werden. Aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, des Aufbaues der Kriegswirtschaft und Projekten wie dem Bau des Westwalls, der viele Arbeiter benötigte, gab es in den folgenden Jahren immer wieder wirtschaftliche Schwankungen in der Pirmasenser Schuhindustrie (Vgl. Behres 1998, S. 128-135).  Zurück
  9. Vgl. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  10. Vgl. Matzker 1965.  Zurück
  11. Vgl. Amtsgericht Frankenthal, Notariat I (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1319).  Zurück
  12. Vgl. Amtsgericht Pirmasens, Registerakten, Handelsregister: Industrie und Handelskammer für die Pfalz in Ludwigshafen am Rhein (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1319).  Zurück
  13. Vgl. Amtsgericht Frankenthal, Notariat I (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1319).  Zurück
  14. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  15. Vgl. Sparkasse Rhein-Hardt 2012, S. 12.  Zurück
  16. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  17. Vgl die Rheinpfalz 2017.  Zurück
  18. Vgl. Prechtel (A) 2020.  Zurück
  19. Vgl. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  20. Vgl. Blaue 2017.  Zurück
  21. Vgl. Sparkasse Rhein-Hardt 2012, S. 13.  Zurück
  22. Vgl. Langenscheidt 2007, S. 944f.  Zurück
  23. Vgl. Ausfertigung Nr. 01778 der Urkundenrolle 1980, Vereinbarung anlässlich des Ausscheidens des Herrn Alfred Sternjakob aus der Alfred Sternjakob GmbH &Co. KG (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1271).  Zurück
  24. Amtsgericht Grünstadt 12. November 1986 (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1271).  Zurück
  25. Vgl. Prechtel (B) 2015.  Zurück
  26. Vgl. Blaue 2017.  Zurück
  27. Vgl. Business Partner 2014.  Zurück
  28. Sparkasse Rhein-Hardt 2012.  Zurück
  29. Vgl. Ausfertigung Nr. 1778 der Urkundenrolle 1980, Vereinbarung des Ausscheidens des Herrn Alfred Sternjakob aus der Alfred Sternjakob GmbH& Co. KG, Aktenbestand Amtsgericht Grünstadt, Abteilung 2, Bürgerlicher Rechtsstreit (LA Speyer Bestand J31 Nr. 1271).  Zurück
  30. Vgl. Schmitt 2011.  Zurück
  31. Vgl. der Industriekompass Deutschland 1984/85, S. 1363.  Zurück
  32. Vgl. Sparkasse Rhein-Hardt 2012, S. 12.  Zurück
  33. Vgl. Cutes Magazin 2017  Zurück
  34. Vgl. die Rheinpfalz 2017.  Zurück
  35. Vgl. Cutes Magazin 2017.  Zurück