Falzziegelwerk Carl Ludowici

1857: Gründung des Betriebes in Ensheim/Saar

1861: Verlegung der Produktion nach Ludwigshafen

1883: Erneute Verlagerung des Standortes nach Jockgrim

1972: Einstellung der Produktion

Die Standorte Ensheim und Ludwigshafen

Carl Ludowici [Bild: Archiv Historische Dachziegel]

Im Jahr 1857 gründete der Schlossermeister Carl Ludowici in Ensheim an der Saar eine neuartige Falzziegelfabrik. Zuvor war Ludowici für die Maschinenfabrik Wylandt Lamarsch & Schwarz in St. Ingbert tätig gewesen. Vermutlich verfügte sein Unternehmen deshalb bereits im Gründungsjahr über 14 Angestellte. Als erster deutscher Betrieb stellte das Falzziegelwerk Dachziegel mithilfe von Dampfkraft her. Der Name des Unternehmens verwies auf eine Neuerung, welche die Firma Ludowici später weltberühmt machte: die Innovation des Falzziegels. Dieser bot gegenüber den herkömmlichen Dachziegelmodellen zahlreiche Vorteile. So konnte durch ineinandergreifende und sich überlappende Falze am Rand der Ziegel eine erhebliche Material-, Gewichts- und Kostenersparnis erreicht werden, ohne die Dichtheit des Daches zu beeinträchtigen. Auch wenn die Erfindung selbst nicht von Ludowici stammte, entwickelten er und seine Nachfolger diesen Ziegeltyp immer weiter. Innovationen, wie das Erfolgsmodell des Falzziegels Z1 oder die Entwicklung neuartiger Flachdachpfannen, legten den Grundstein für den Erfolg des Familienunternehmens.

Vier Jahre nach der Gründung gab Carl Ludowici die Fabrikationsstätte in Ensheim zugunsten eines neuen Standortes Ludwigshafen auf, wo mit einem Eisenbahnanschluss und dem Rheinhafen bessere Bedingungen zur Entwicklung des Betriebes gegeben waren. Im Jahr 1867 verkaufte das Unternehmen bereits 190.000 Ziegel und 55.000 Backsteine. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte in den 1870er Jahren die Erweiterung der Fabrik sowie den Bau eines neuen Werkes. Aufgrund der qualitativ schlechten Tonvorkommen im Ludwigshafener Umland und der Erweiterung des Ludwigshafener Bahnhofs, dem die Falzziegelfabrik weichen musste, wurde 1894 die Produktion an diesem Standort eingestellt.

Der Sohn des Firmengründers, Wilhelm Ludowici, der sich für römische Grabungen rund um die ehemalige Töpferkolonie im Gebiet um Rheinzabern und Jockgrim begeisterte, hatte schon im Jahr 1883 Nachforschungen auf diesem Gebiet angestellt. Im selben Jahr errichtete er den neuen Firmenstandort im pfälzischen Dorf Jockgrim, wohin die Produktion erneut, und diesmal endgültig, verlagert werden konnte.

Der Standort in Jockgrim bis zum Ersten Weltkrieg

Falzziegelwerk Carl Ludowici 1902[Bild: Archiv Historische Dachziegel]
Falzziegelwerk Carl Ludowici 1902[Bild: Archiv Historische Dachziegel]

Bereits den Römern waren die guten Tonqualitäten rund um die Dörfer Jockgrim und Rheinzabern bekannt. Der Wegfall der Zollschranken durch die Reichsgründung 1871 und der Anschluss an das Schienennetz 1874 begünstigten die Errichtung der industriellen Ziegelproduktion in Jockgrim. Bereits wenige Jahre nach dem Bau des ersten Werkes in Jockgrim im Jahr 1883 wurden 1886 und 1888 zwei weitere Fabriken am neuen Standort errichtet. In den Zeiten der Parallelnutzung der Produktionsstätten in Ludwigshafen und Jockgrim zwischen 1883 und 1894 produzierte der Familienbetrieb ca. eine Million Ziegel jährlich, bereits zehn Jahre später stellte man jährlich 15-20 Millionen Ziegel her. Verkaufsschlager war der von Wilhelm Ludowici entwickelte und patentierte Falzziegel Z1, der dem Unternehmen die Marktführerschaft in der deutschen Ziegelherstellung sicherte.

[Bild: Archiv Historische Dachziegel]
[Bild: Archiv Historische Dachziegel]

Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte auch die Anzahl der Beschäftigten mit 650 Personen ihren vorläufigen Höchststand. Die Folgen für das Dorf Jockgrim, wo Mitte des 19. Jahrhunderts nur ca. 1.200 Einwohner gelebt hatten, waren gravierend. So konnten Landflucht und Arbeitslosigkeit nicht nur gestoppt werden, es konnte sogar ein Wachstum der Gemeinde verzeichnet werden. Bis zum Anfang des Ersten Weltkrieges stieg die Einwohnerzahl auf ca. 1.700 Menschen. Im Zuge des Ausbaus der Fabrik entstanden sogar neue Dorfteile und ab den 1920er Jahren eigene Werkssiedlungen. [Anm. 1]

Die beiden Weltkriege und die Nachkriegszeit

Obwohl das Unternehmen während des Ersten Weltkrieges mit einem erheblichen Rückgang an Rohstoffen und Arbeitskräften zu kämpfen hatte, wurde die Produktion nie vollkommen eingestellt. Noch im letzten Kriegsjahr verließen ca. 1.000 Waggons das Ziegelwerk. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges brachen für den seit 1923 an der Spitze des Betriebes stehenden Sohn Wilhelm Ludowicis, Johann Wilhelm, turbulente Zeiten an. Die Zahl der Beschäftigten schwankte in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre stark, was die schwierige gesamtwirtschaftliche Situation widerspiegelte. Die dramatisch steigende Inflation und die Währungsreform des Jahres 1923 machten dem Unternehmen zu schaffen. Auch die französische Besatzung sowie die Weltwirtschaftskrise 1929 wirkten sich nachteilig auf das Unternehmen aus.

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933 entwickelte sich das Unternehmen zu einem NS-Musterbetrieb. Johann Wilhelm Ludowici, der bereits 1923 in die NSDAP eingetreten war und zwischen 1933 und 1937 das Parteiamt des Siedlungsbeauftragten innehatte, trieb die Planung und den Bau von bäuerlichen Arbeitersiedlungen voran. Ziel dieser Maßnahmen war es, die Fabrikarbeiter mit Haus und Hof auszustatten und so im Sinne der NS-Ideologie gefügig zu machen. Ludowici beschrieb die Absicht einer „Entproletarisierung“ der Gesellschaft durch die Ansiedlung von Industriearbeitern in ländliche Regionen, wofür das Werk in Jockgrim beispielhaft sein sollte. Weitere Maßnahmen des Musterbetriebes waren gemeinsame Werksausflüge sowie Zuschüsse zu KdF-Fahrten. [Anm. 2] In dieser Zeit erreichte das Unternehmen seine größte Bedeutung: Ab 1935 galt der Betrieb als größtes Ziegelwerk Europas und 1939 erreichte die Anzahl der Beschäftigten den Höchststand von mehr als 1.100 Beschäftigten. Während des über hundertjährigen Bestehens des Falzziegelwerks arbeiteten zu keinem Zeitpunkt mehr Menschen für das Unternehmen.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges brachen Produktion und Belegschaft ein. Es ist unklar, ob während des Krieges Zwangsarbeiter im Unternehmen eingesetzt wurden. Im Jahr 1945 arbeiteten noch ca. 100 Personen in der von alliierten Bombenangriffen schwer getroffenen Fabrik.

Der Aufschwung der Nachkriegsjahre verschaffte dem Unternehmen eine letzte Blütezeit. Ende der 1950er begann der Niedergang des Unternehmens, da ab Mitte der 1950er Jahre kaum noch neue Tongruben im Jockgrimer Umland erschlossen werden konnten und sich der Transport aus weiter entfernten Gruben als unrentabel erwies. Der Sohn Johann Wilhelms, Helmo Ludowici, der in den 1960er Jahren die Leitung des Betriebs übernommen hatte, konnte die Entwicklung nicht aufhalten. Mit zunehmender Erschöpfung der lokalen Tonvorkommen, dem Ablaufen wichtiger Patente und nach zwei Großbränden wurde die Produktion 1972 endgültig eingestellt. [Anm. 3]

Heute existiert ein gleichnamiges Unternehmen in New Lexington im US-Bundesstaat Ohio, welches aus einer Beteiligung Wilhelm Ludowicis hervorgegangen ist. Der Marktführer produziert noch heute unter dem Namen French Tile das berühmte Ziegelmodell Z1.

von Jan Brunner, Juni 2019


Anmerkungen:

  1. Müller, Wolf-Manfred: Die Falzziegelwerke Carl Ludowici und ihr Ziegelangebot von 1857 bis 1914/1917. Herstellung, Entwicklung, Technik und Gestaltung von Falz-, Dach- und Formziegeln im Historismus, in: Institut für Steinkonservierung (Hg.): IFS-Bericht 39. Mainz 2011.  Zurück
  2. Freund, Wolfgang: Rassen- und Bevölkerungspolitik in einem expandierenden Gau. Rheinpfalz – Saarpfalz – Westmark, in: John, Jürgen/Möller, Horst/Schaarschmidt, Thomas (Hrsg.): Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“. München 2007, S. 334-347; Ludowici, Johann Wilhelm: Entproletarisierung – Sinn der neuen Wirtschaftsführung, in: Völkische Wissenschaft 2 (1934/35), S.66-78; Musterbetriebe Deutscher Wirtschaft, Bd. 36: Die Dachziegel- und Hohlsteinindustrie: Carl Ludowici K.a.A. Falzziegelwerke Jockgrim (Rheinpfalz). Leipzig 1936.  Zurück
  3. Jaeger, Herbert: Die Ziegelindustrie um Jockgrim und Rheinzabern. Speyer 1986 (=Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften Bd. 57); Carl Ludowici Falzziegelwerke (Hg.): Ludowici-Ziegel-Werke Jockgrim (Pfalz) 1857-1897. Ludwigshafen 1897; Carl Ludowici Falzziegelwerke (Hg.): Ludowici Falzziegel und Tonwaren aus den Werken der Firma Carl Ludowici in Jockgrim (Rheinpfalz). Ludwigshafen 1914.  Zurück