Karl Kübel GmbH/AG

1932: Gründung des Handelsgeschäfts für Schreinereibedarf in Worms

1967: Verlagerung der Zentrale der Kübel GmbH nach Bensheim

1973: Verkauf des Unternehmens an die schwedische Zündholz-Gruppe Svenska Tädsticks

"Das Wagnis scheint mir steuerbar" (Karl Kübel)

Ende der 1920er Jahre sorgte die Weltwirtschaftskrise weltweit für Arbeitslosigkeit, Preisverfall und Kapitalmangel. Dennoch beschloss der gelernte Eisenwarenhändler Karl Kübel 1932, sich mit 23 Jahren selbstständig zu machen. In zwei ehemaligen Garagen in der Wormser Bahnhofsstraße richtete er mit 5.000 RM Startkapital ein Handelsgeschäft für Schreinereibedarf ein. Um Kunden zu gewinnen, hielt er den Verkaufspreis anfangs niedrig. Diese Taktik brachte ihm Erfolg, worauf er eine 400 m² große Halle mit Gleisanschluss vor dem alten Friedhof in Worms erwarb und so sein Geschäft ausbaute und das Sortiment erweiterte. Sein Vater Carl Kübel, der Schreinermeister war, stellte ihm zusätzlich 5.000 RM zur Verfügung. 1935 beschäftigte der junge Unternehmer schon drei Mitarbeiter und drei Lehrlinge. Parallel dazu arbeitete er für die Möbelfabrik Geene in Weeze am Niederrhein als Vertreter für Furniere und Sperrholz. Mit dem dort erwirtschafteten Geld kaufte er die Rühlsche Brauerei an der Alzeyer Straße 60 in Worms, die eine Fläche von 1.000 m² umfasste.

1936 verschaffte Friedrich Geene, der Juniorchef der Möbelfabrik in Weeze, Kübel einen Auftrag, im Laufe eines Jahres 1.000 Schreibtische herzustellen. Dieses Projekt ermöglichte dem jungen Unternehmer den Einstieg in die Möbelproduktion. Die Rühlsche Brauerei wurde in der Folge umgebaut und es wurden leistungsfähige Maschinen für die industrielle Holzverarbeitung eingesetzt, um die angeforderten Schreibtische produzieren zu können. Der Fokus lag von nun an auf der Möbelproduktion und der Handel mit Schreinereibedarf wurde 1937 eingestellt. Unter dem Firmennamen Karl Kübel Worms (KKW) wurden Schreibtische und Schränke für den privaten Gebrauch gefertigt. Dabei verwendete man Ausschussware mit geringfügigen Verfärbungen, die es ermöglichten, die Möbel preiswert auf dem Markt anzubieten.

Als Absatzmarkt für seine Möbel hatte der junge Unternehmer ganz Deutschland im Blick, deswegen baute er in den folgenden Jahrzenten seine Produktionsstätten kontinuierlich aus. 1937 übernahm er eine Fabrik in Kahl am Main, die der jüdische Eigentümer auf Druck der Nationalsozialisten verkaufen musste. Entscheidend für den Kauf war die Dampfmaschine mit großem Rad, über das zur Kraftübertragung ein breiter Treibriemen lief. Dadurch wurde für das ganze Werk Strom produziert und Kübel konnte damit seine Vormachtstellung in der Produktion gegenüber der Konkurrenz beibehalten. Mit der Übernahme der Fabrik in Kahl wurde er Chef von 60 Mitarbeitern in Worms und 114 Angestellten. Der Firmenname wurde in Karl Kübel Kahl (KKK) unbenannt und war fortan das Markenzeichen des Unternehmens.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Hälfte der Belegschaft der Kübelwerke in die Armee eingezogen. Ab 1940 musste die Produktion auf Spinde für Kasernen und Verpackungskisten für Gasmasken und Granaten umgestellt werden. Im selben Jahr wurde Kübel selbst eingezogen. Doch schon 1941 wurde er nach Mannheim versetzt, von wo aus er nach Worms fahren und sich bald wieder ganz seinem Werk zuwenden konnte.Während des Krieges wurden den Kübel-Werken Kriegsgefangene als Arbeitskräfte zugeteilt. 1943 waren es etwa 40 russische Zwangsarbeiter. Untergebracht waren sie in einer Baracke neben dem Werksgelände, die mit Stacheldraht eingezäunt war und von Soldaten bewacht wurde. Kübel gab den Zwangsarbeitern, entgegen den vorgeschriebenen Bestimmungen, mehr Verpflegung. (Karl Kübel Stiftung 2009, S. 64) Nach der Kriegsgefangenschaft sind drei Russen als Mitarbeiter in den Kübel-Werken geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte Kübel weiterhin Kleiderschränke und verkaufte Aufbaumaterialien wie zum Beispiel Holz, Nägel und Pappe. Mit der Begründung, dass die Fabrik in Kahl unrechtmäßig und zu günstig von dem Vorbesitzer erworben wurde, forderte eine Gruppe von Mitarbeitern nach dem Zweiten Weltkrieg die Enteignung der Fabrik. Karl Kübel brachte zu dem Anhörungstermin den Bankdirektor mit, der seinerzeit bei den Verhandlungen zugegen gewesen war, sowie den notariell beglaubigten Kaufvertrag. Nach der Anhörung waren die Richter von dem rechtmäßigen Verkauf überzeugt. (Karl Kübel Stiftung 2009, S. 69.) 

1946 erwarb er in Biblis ein 40 ha großes Gelände und errichtete dort ein weiteres Werk, in dem Küchenhocker und Schlafzimmer gefertigt wurden. 1961 besuchte der Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard die Kübel-Werke in Worms und soll sich sowohl vom hohen technischen Standard als auch vom sozialen Engagement Karl Kübels beeindruckt gezeigt haben. Vor wie nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Büromöbel-Produktion der Kübel-Werke zu den größten im Land. 1952 trat er diese Sparte an die Firma Schärf in Worm-Hochheim ab, um sich auf den größeren Bereich der Wohnmöbel zu forcieren. Er wollte qualitative Möbel zu einem günstigen Preis herstellen. Als Alternative zu dem viel teureren Massivholz stellte er die Produktion auf Spannplatten um. Damit ging er von der traditionellen Schreinerarbeit zu einer Vollfließfertigung über. Die Spannplatte avancierte, aufgrund des unschlagbar günstigen Preises, zu einem Massenprodukt. Möbel wurden von nun an zu einem regelmäßig austauschbaren Konsumartikel. Um die Produktionskapazität zu erhöhen, wurden neue Werke mit Fließbandfertigung errichtet. In der neuen Bürstädter Möbelfabrik entstand unterdes ein Novum – das Kunststofffurnier. Dieses wurde 1962 auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt und fand sofort Zuspruch. Durch den verwendeten Kunststoff „Rhenodur“ konnten die Möbel noch günstiger angeboten werden und die Oberfläche war lichtechter, pflegeleichter und „von bleibender Schönheit“. Das Dekor auf der Oberfläche wurde mit Folien erzeugt und die Qualität des Materials wurde kontinuierlich verbessert. 1964 produzierten die Kübel-Werke täglich etwa 4.000 Möbelstücke. Ab 1967 wurde auf die Verwendung von Echtholzfurier endgültig verzichtet.

Kübel lag das persönliche Verhältnis zu seinen Mitarbeitern sehr am Herzen. Wo er konnte, führte er Gespräche mit ihnen oder packte selber mit an. Mit der wachsenden Größe der Belegschaft ging selbst dieser sporadische Kontakt verloren und so beschloss er 1952, seinen Mitarbeitern Partnerschaftsverträge anzubieten. durch die sie am Unternehmensgewinn beteiligt wurden. Zudem erhielten die Mitarbeiter eine betriebliche Mitbestimmung, die über den gesetzlichen Mitbestimmungsrechen lag. Dahinter stand der Gedanke, dass Kübel seine Belegschaft zum Nutzen des Unternehmens motivieren wollte und zudem wollte er damit Gemeinschaftssinn und Lebensqualität stiften. Allerdings taten sich die Führungskräfte des Unternehmens mit diesem Partnerschaftsprinzip schwer. Durch die Mitentscheidungen fürchteten sie eine zu hohe Einschränkung ihrer Möglichkeiten. Daraufhin wurden die Partnerschaftsverträge 1959 abgeschafft. Trotzdem bekamen die Mitarbeiter bei Erwirtschaftung eines Unternehmensgewinns eine Beteiligung.

Um den Gemeinschaftssinn der Belegschaft zu stärken, gab es seit 1962 eine Mitarbeiterzeitschrift in dem Unternehmen, die vier bis fünf Mal jährlich erschien. Die Werkzeitschrift verstand sich als Kontakt-Mittel, die auf die Probleme der Belegschaft einging, Mitarbeiter porträtierte und pädagogische Aufklärung betrieb, u.a. indem sie auf Unfallgefahren in den Betrieben hinwies. Die Redaktionsfreiheit war für Kübel selbstverständlich und so wurden der Redaktion zufolge die Zusammenfassungen der Betriebsversammlungen mit großem Interesse gelesen.

1964 wandte sich Kübel wieder der Büromöbelsparte zu. Ziel war es, zeitgemäße Organisations-möbel zu entwickeln. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und so wurde die Produktion von Büromöbeln zu einem wichtigen Standbein des Unternehmens. In der Mitte der 1960er Jahre erfolgte schließlich auch der Einstieg in den Bereich der Küchenmöbel. 1966 übernahm Kübel die Karl Heise AG mit 170 Angestellten im niedersächsischen Ölsburg und stellte die Fabrik auf die industrielle Fertigung um. Die Küchen wurden von da an als 3 K-Möbel verkauft. Anfang des Jahres 1967 zog sich Karl Kübel aus der Position des Hauptgeschäftsführers zurück, um der jüngeren Generation den Weg frei zu machen. Er wechselte zum Vorsitz des Aufsichtsrats, war aber weiter an der Entwicklung des Unternehmens intensiv beteiligt. Im selben Jahr wurde auch die Zentrale der Kübel GmbH nach Bensheim verlegt.

Ein wichtiges Mittel, um 3K der Öffentlichkeit bekannt zu machen, waren neben den zahlreichen Möbelmessen vor allem die Werbekampagnen ab 1966. Mit dem Slogan: „Leben Sie noch für ihre Möbel, oder leben ihre Möbel schon für Sie?“ in aufwändigen Fernsehspots und Anzeigen in Illustrierten versuchte Kübel die Kundschaft anzulocken.

Mit der Expansion des Unternehmens in Deutschland stieg auch der Export in andere europäische Länder, in denen anschließend auch Tochterunternehmen etabliert wurden. 1973 verkaufte Kübel  99% der Anteile des inzwischen als Aktiengesellschaft firmierenden Unternehmens an die schwedische Zündholz-Gruppe Svenska Tändsticks. 1% der Aktien blieb bei der Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie, die sich für Inlandsarbeit, Entwicklungszusammenarbeit und Bildungsinstitute engagiert. Wenige Jahre nach dem Verkauf der Kübel-Werke wurde die Produktion eingestellt.

von Lilli Braun