Unternehmensgeschichte der Zuckerfabrik Frankenthal

1838: Gründung in Kaiserslautern

1843: Verlagerung des Standortes nach Frankenthal

1926: Das Unternehmen geht in der Süddeutschen Zucker AG auf

1943: Zerstörung des Werksgeländes und Ende der Produktion in Frankenthal

Die Anfänge

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Bereits 1838 gründeten die Unternehmer Friedrich Christian, Carl Heinrich und Franz Karcher zusammen mit weiteren Beteiligten eine Zuckerfabrik in Kaiserslautern. Viele Angehörige der weitverzweigten Familie Karcher, die im Elsass, der Schweiz und in der Pfalz ansässig waren, betätigten sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts als Kaufleute, Textil-, Tabak- oder Zuckerfabrikanten. Da Zucker in den 1830er Jahren hauptsächlich aus Zuckerrohr gewonnen wurde, waren die Gründer der Kaiserslauterner Zuckerfabrik, in der die Gewinnung aus Runkelrüben erfolgen sollte, Pioniere auf dem Gebiet.

[Bild: Stadtarchiv Frankenthal]

Im Jahr 1843 wurde die Produktion von Kaiserslautern nach Frankenthal verlagert, da dort bessere Standortbedingungen herrschten: Günstigere klimatische Voraussetzungen für den Zuckerrübenanbau, eine Kanalverbindung zum Rhein sowie der 1851 in Betrieb genommene Eisenbahnanschluss nach Worms und Ludwigshafen waren wohl die Gründe für die Wahl Frankenthals. Seit 1847 trug das Unternehmen den Namen „Zuckerfabrik Franz & Carl Karcher“. Es entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur einer der größten Produktionsstätten für Zucker im Deutschen Reich. [Anm. 1]

Aufschwung bis zum Ersten Weltkrieg

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Der Sohn des Gründers Franz Karcher, Philipp Heinrich Karcher, trat nach seiner Ausbildung am Polytechnikum in Karlsruhe und einigen Jahren als Volontär in Bremen bzw. Lille, wo er Erfahrungen in anderen Betrieben der Branche erwerben konnte, im Jahr 1862 in die Geschäftsleitung der väterlichen Fabrik ein. Verschiedene Faktoren führten zu einem weiteren Wachstum des Unternehmens seit den späten 1860er Jahren. So bot die Eingliederung Elsass-Lothringens nach dem deutsch-französischen Krieg 1870-71 neue Absatzmöglichkeiten. Auch trug die Umstellung auf reinen Raffineriebetrieb zur Entwicklung des Unternehmens positiv bei: Lag der Fokus in den 1850er und 1860er Jahren noch auf der Produktion von Rohzucker, konzentrierte man sich ab 1868 ausschließlich auf die Raffinierung (Reinigung, Verfeinerung) des Ausgangsstoffes. [Anm. 2]

[Bild: Stadtarchiv Frankenthal]

Des Weiteren machte die Umwandlung des Familienbetriebs in eine Aktiengesellschaft mit einem Startkapital von 1,2 Mio. Mark (welches bis 1914 auf 8,4 Mio. Mark ansteigen sollte) neue Investitionen möglich. Obwohl auch andere pfälzische Industrielle, wie der Seifenfabrikant Adolph Ludwig Mahla oder der Bankier Ferdinand Scipio, sich an der AG beteiligten, blieb der Einfluss der Familie Karcher hoch. So war Philipp Heinrich Karcher bis zu seinem Tod im Jahr 1894 Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft. Durch den Kauf der in finanzielle Not geratenen Zuckerfabrik in Friedensau im Jahr 1886 und den Erwerb der Zuckerfabrik Gernsheim konnte die Versorgung mit Rohzucker sowie der Einfluss in der Region ausgebaut werden. Das Wachstum des Unternehmens lässt sich ebenfalls an den Zahlen der Belegschaft festmachen. Arbeiteten 1873 noch 97 Menschen für die Fabrik, so waren es im Jahr 1894 bereits 1.100 Beschäftigte. Das Unternehmen war folglich einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt Frankenthal und die Schornsteine der Fabrik wurden zu einem der Wahrzeichen der Stadt. 1876 erhielt das 170.000 qm große Gelände einen eigenen Gleisanschluss. All diese Umstände zeigen, dass sich das Unternehmen bis zum Ersten Weltkrieg zu einer der „[…] größten und bedeutendsten Zuckerraffinerien in Deutschland [...]" [Anm. 3] entwickelt hatte. [Anm. 4]

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Die Familie Karcher, besonders Kommerzienrat Philipp Heinrich und seine Frau Wilhelmina setzten sich in hohem Maß für die eigenen Mitarbeiter und die Stadt Frankenthal ein. Dies geschah nicht gänzlich uneigennützig, da als Gegenleistung von der Belegschaft Disziplin und Loyalität erwartet wurde. Dennoch wurden zahlreiche soziale Projekte ins Leben gerufen. Neben einem betriebseigenen Kindergarten gab es einen Werksladen, in dem die Belegschaft vergünstige Lebensmittel erwerben konnte. Auch sorgte der Unternehmer mit dem Bau von Wohnungen für eine gute Unterbringung der Stammbelegschaft. Zur finanziellen Absicherung der Arbeiter gründete Karcher darüber hinaus eine firmeneigene Spar- und Krankenkasse. In Bezug auf den sozialen Verdienst kommt Manfred Pohl zu folgendem Fazit: „Mag die Zuckerfabrik auch patriarchisch geführt worden sein, die Karchers waren Pioniere bei der Lösung vieler sozialer Fragen, bevor sie später von anderen Frankenthaler Unternehmen und allgemein eingeführt wurden." [Anm. 5]

Schwierige Zeiten

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 brachen schwierige Zeiten für das Unternehmen an. Viele Arbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen, der Markt für Zucker brach ein und aufgrund der Kriegswirtschaft standen kaum Transportmöglichkeiten zur Verfügung. Nach Kriegsende und im Zuge der französischen Besatzung wurde der Rhein immer wieder Zollgrenze und die Zufuhr von Rohstoffen sowie der Absatz des Zuckers schwieriger. Vermutlich aus diesem Grund entschied man sich 1918 für den Kauf der Zuckerfabrik in Ochsenfurt in Franken, ein Jahr später folgte der Kauf der Zuckerfabrik in Regensburg. [Anm. 6] Trotz dieser Expansion mussten zahlreiche Mitarbeiter entlassen werden. Die wirtschaftliche Krisensituation, bedingt durch die verstärkte Inflation, machten der Branche schwer zu schaffen. Während der dramatischen Geldentwertung im Jahr 1923 gab die Zuckerfabrik Frankenthal kurzzeitig sogar ihr eigenes Notgeld heraus. Diese Schwierigkeiten bewogen die beiden größten Unternehmen des Sektors, die Zuckerfabrik Frankenthal AG und die Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation in Waghäusel mit Sitz in Mannheim, im Jahr 1920 zur Gründung einer Interessensgemeinschaft. Der IG traten weitere Unternehmen bei, sodass diese im Gründungsjahr über ein Aktienkapital von insgesamt 101,51 Mio. Mark verfügte, wobei Frankenthal und Waghäusel die größten Anteile stellten.

Die Süddeutsche Zucker AG

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Neben der Gründung dieser Interessengemeinschaft führte eine immer engere Kooperation der Unternehmen am 24. April 1926 zur Fusion der Zuckerfabriken Frankenthal, Mannheim/Waghäusel, Heilbronn, Stuttgart und Offstein zur „Süddeutschen Zucker Aktiengesellschaft“ mit Sitz in Mannheim. Bei der Fusion nahm die Zuckerfabrik Frankenthal, in deren Verwaltungsgebäude die entscheidende Versammlung stattfand, aufgrund ihrer Größe formal die anderen Zuckerfabriken auf. [Anm. 7] Die Zusammenarbeit hatte zahlreiche Vorteile. Beispielsweise brachte der gemeinsame Einkauf von Zuckerrüben die AG in eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Landwirten. Die Fusion wirkte sich auch positiv auf die Entwicklung der Frankenthaler Fabrik aus, so raffinierte man in Frankenthal größtenteils den Rohzucker, der in den anderen Fabriken produziert wurde, wodurch sich eine Arbeitsteilung ergab. Die im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929 einbrechende Konjunktur traf Südzucker und die Frankenthaler Fabrik hart. Überliefert ist, dass um das Jahr 1930 ca. 200 Mitarbeiter entlassen wurden. 1935 arbeiteten noch insgesamt 850 Menschen in der Zuckerfabrik. [Anm. 8]

Nationalsozialismus und Untergang der Zuckerfabrik

[Bild: Stadtarchiv Frankenthal]

Das Verhältnis von Südzucker zum Nationalsozialismus wird als „schwer durchschaubar" bezeichnet, da ab dem Jahr 1938 nur wenige Dokumente überliefert sind. [Anm. 9] Belegt ist, dass im Zuge der Entfernung „nicht-arischer" Führungskräfte aus deutschen Unternehmen der jüdische Großaktionär Albert Flegenheimer im Jahr 1938 endgültig aus dem Konzern gedrängt wurde. [Anm. 10] Über das Thema Zwangsarbeit gibt es einige Unsicherheiten, auch weil es in der Zuckerindustrie normal war, ausländische Saisonarbeiter zu beschäftigen. Es ist jedoch nachgewiesen, dass es seit 1940 zu einem massiven Einsatz von Zwangsarbeitern bei Südzucker kam. Ab 1941 war die überwiegende Tätigkeit von Zwangsarbeitern in allen Standorten, auch in Frankenthal, der Normalfall.

[Bild: Bildbestand Südzucker-Archiv]

Ende des gleichen Jahres wurde ein Lager für französische Zwangsarbeiter an der Zuckerfabrik errichtet, später existierte auch ein eigenes Barackenlager für Ostarbeiter auf dem Firmengelände der Zuckerfabrik. [Anm. 11] Im Konzern wurden auch Kriegsgefangene eingesetzt, jedoch in vergleichsweise kleinem Umfang. Allgemein war die Situation der Fremd- und Zwangsarbeiter aufgrund der unzureichenden Ernährung und mangelnden medizinischen Versorgung schlecht. In der Nacht vom 23. auf den 24. September 1943 zerstörte ein Luftangriff die Zuckerfabrik Frankenthal fast vollständig. Mit der Demontage der wenigen unbeschädigten Produktionsanlagen durch die Alliierten endete nicht nur das 100-jährige Bestehen der Zuckerfabrik, sondern auch ein bedeutender Teil der Frankenthaler Industriegeschichte. [Anm. 12]

von Jan Brunner, Januar 2020

Anmerkungen:

  1. Orth, Bernhard: Die Grundlagen und die Entwicklungsmöglichkeiten des Zuckerrübenanbaus und der Zuckerindustrie in Rheinhessen und in der Pfalz. Stuttgart 1956, S. 63.  Zurück
  2. Kapper, Jakob: Die Zuckerfabrik Frankenthal 1843 - 1943. Industrie- und Sozialgeschichte Frankenthals. Frankenthal 1988, S. 35; Pohl, Manfred: Die Geschichte der Südzucker AG 1926-2001. München 2001, S. 60f.  Zurück
  3. Pohl, Südzucker, S. 62.  Zurück
  4. Hildenbrand, Friedrich Johann: Ueber die Familie Karcher, vornehmlich als Vertreterin der mittelrheinschen Zuckerindustrie, in: Monatsschrift des Frankenthaler Altertumsvereins 10/11 (1922), S. 21f.  Zurück
  5. Pohl, Südzucker, S. 63f.  Zurück
  6. Kapper, Zuckerfabrik, S. 37 u. 62; Pohl, Südzucker, S. 63ff.  Zurück
  7. Pohl, Südzucker, S. 93-112.  Zurück
  8. Weidmann, Werner: Schul-, Medizin- und Wirtschaftsgeschichte der Pfalz (Bd.2). Ottersbach 2000, S. 760.  Zurück
  9. Pohl, Südzucker, S. 194.  Zurück
  10. Ebd., S. 154-160.  Zurück
  11. Scharf, Eginhard: Verwischte Spuren, verdrängte Erinnerung. Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und Zivilausländern, in: Nestler, Gerhard (Hg.): Frankenthal unterm Hakenkreuz. Eine pfälzische Stadt in der NS-Zeit. Ludwigshafen 2004, S. 385-417, hier S. 390-403.  Zurück
  12. Becker, Susan: Wirtschaft und Unternehmen 1933 bis 1945, in: Nestler, Gerhard (Hg.): Frankenthal unterm Hakenkreuz. Eine pfälzische Stadt in der NS-Zeit. Ludwigshafen 2004, S. 281-299, hier S. 290; Pohl, Südzucker, S. 202-212.  Zurück