Wirtschaftsgeschichte von Neuwied

Neuwied ist wie das gleichnamige Becken von mittelständischen Familienunternehmen geprägt. Trotz der vertretenen Vielfalt an Branchen und Handwerken erwirtschaftet die Industrie immer noch über die Hälfte des Umsatzes. Die zentrale Lage am Rhein, in Nähe der Autobahnen 48 und 61 und zwischen mehreren Flughäfen macht die Stadt zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort. Auch durch Bodenschätze ist die Region begünstigt. Seit über 5.000 Jahren werden hier Gesteine und Rohstoffe abgebaut und verarbeitet.

Daten basierend auf: Schmitz, Erich P. (1953): Aus dem Wirtschaftsleben Neuwieds. In: Stadtverwaltung Neuwied (Hg.): 300 Jahre Neuwied. Ein Stadt- und Heimatbuch. Neuwied, S. 447–468, hier 467.[Bild: Ute Engelen]

Industrien, Unternehmen und Unternehmer

1653 wurde Neuwied zur Residenz des Grafen Friedrich III. von Wied. Die Fürsten förderten die Etablierung von Wirtschaftszweigen, wie es im Merkantilismus üblich war, so u.a. ein Eisenwerk an der Wied. 1787 erwarb der Unternehmer Heinrich Wilhelm Remy die Hütte. Bald stellte diese Schwarzblech in einem modernen Walzverfahren her. Im Jahr 1835 produzierte sie die ersten Eisenbahnschienen für das deutsche Gebiet. Im März 1946 war „Rasselstein“ mit 4.000 Beschäftigten der zweitgrößte Industriebetrieb im rheinland-pfälzischen Raum. Bis heute prägt die Eisenindustrie die Stadt Neuwied. Mit der Schließung des traditionsreichen Werks Rasselstein, das heute zu ThyssenKrupp gehört, geht im Jahr 2015 eine Ära zu Ende.

Arbeiter der Firma Remy & Co beladen einen Eisenbahnwaggon mit Bimssteinen, um 1925.[Bild: Kreismedienzentrum Neuwied, Archiv Kupfer]

Im Mittelrheinischen Becken wird seit geraumer Zeit Basalt abgebaut. Mitte des 19. Jahrhunderts führte eine Verfahrensinnovation zur Ausbreitung der Bimsindustrie im gesamten Becken. Das Gewerbe, zunächst häufig nebenberuflich von Bauern betrieben, gewann große wirtschaftliche Bedeutung. Für die Produktion wanderten Arbeitnehmer aus Eifel, Westerwald und Hunsrück zu. Mitte des 20. Jahrhunderts stieg die Produktivität stark an; so verdoppelte sich 1951 der Bimsabbau im Neuwieder Becken im Vergleich zu 1938 auf 3,9 Mio. Tonnen, bis 1960 stieg er auf 10 Mio. Tonnen. Damit war der Höhepunkt erreicht. Von den zeitweise über 800 Bimsgruben bestanden 2005 noch 44.

Daten basierend auf: Seehusen, Ellen (1981): 130 Jahre Rheinische Bimsindustrie. Eine Chronik der Bimsindustrie und ihres Verbandes. Neuwied.[Bild: Ute Engelen]

Zu Bekanntheit kam der Kunstschreiner David Roentgen (1743-1807). Der Neuwieder Magistrat gestand ihm 1774 zu, sein 1750 begründetes Unternehmen fabrikmäßig und ohne Anbindung an die Zunft zu betreiben. Bis zur Französischen Revolution belieferte er zahlreiche Fürstenhöfe mit Möbeln.

Schrank hergestellt von David Roentgen.[Bild: Wikimedia Commons, gemeinfrei]

Ein berühmter Wahl-Neuwieder war Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888), von 1852 bis 1865 Bürgermeister des heutigen Stadtteils Heddesdorf. Im Jahr 1864 wandelte er den dortigen Wohltätigkeitsverein in einen Darlehnskassen-Verein um, der vielen ländlichen Genossenschaften als Vorbild diente.

Zu den ältesten Unternehmen in Neuwied zählen die Sparkasse Neuwied (1848) und die VR-Bank Neuwied-Linz (1862).

Im Jahr 1870 wurde August Lohmann Alleineigentümer eines Frankfurter Handelsunternehmens. Er investierte in das junge Geschäftsfeld der Verbandsstoffe – 1871 wurde Baumwolle erstmals keimfrei hergestellt – und verlagerte das Unternehmen 1899 nach Fahr am Rhein im heutigen Neuwied. Im Bemühen um einen international gängigen Verkehrsnamen wurde das Unternehmen 1929 nach der Eigentümerfamilie Lohmann benannt.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitete Lohmann seine Produktion auf technische Klebebänder und Vliesstoffe aus. 1970 zählte die Gesellschaft über 1.000 Arbeitnehmer. Ende der 1990er Jahre wurde das Unternehmen in die Geschäftsbereiche Vliesstoffe (TWE GmbH, Standort Dierdorf), Medical (Lohmann & Rauscher) und Klebelösungen (Lohmann GmbH & Co. KG) aufgeteilt. Lohmann & Rauscher beschäftigt weltweit rund 4.000, die Lohmann GmbH & Co. KG über 1.600 Mitarbeiter. Die Gesellschaften belegten 2010 in Bezug auf den Umsatz Platz 31 und 33 im Bundesland (ohne Versicherungen und Banken).

Gruppenfoto der Belegschaft von Lohmann im Fabrikhof in Fahr, um 1903.[Bild: Lohmann GmbH und Co. KG.]

Auf Platz 82 schaffte es das Neuwieder Maschinenbauunternehmen Winkler+Dünnebier. 1913 gegründet, produzierte es Maschinen zur Herstellung von Briefumschlägen, später auch für die Süßwarenindustrie. Beim 50. Jubiläum beschäftigte Winkler+Dünnebier rund 1.500 Arbeitnehmer. Heute sind noch mehr als 300 Mitarbeiter bei dem Hersteller von Briefumschlag- und Hygieneartikelmaschinen tätig, während die 1997 ausgegliederte Winkler+Dünnebier Süßwarenmaschinen GmbH über 200 Beschäftigte hat.

von Ute Engelen, Juli 2014