A. Racke GmbH & Co. KG

1855: Eröffnung der Weinessig- und Branntweinhandlung A. Racke in Bingen

2010: Insolvenz des Konzerns A. Racke GmbH & Co. KG

Einweihung des Fabrikneubaues der Firma A. Racke, 31. August 1935[Bild: Stadtarchiv Bingen]

Am 12. November 1855 gründete der Mainzer Adam Joseph Racke eine Weinhandlung in Bingen am Rhein, da er in der Kleinstadt einen geeigneten Standort sah. In der kleinen Stadt lebten zu diesem Zeitpunkt circa 6.000 Menschen. Durch die Loslösung der Stadt von der Herrschaft des Mainzer Domkapitels Ende des 18. Jahrhunderts und den Abbruch der eigenen Stadtmauern konnte Bingen ein rasches wirtschaftliches Wachstum verzeichnen. Auch entwickelte sich der Tourismus zunehmend in der rheinischen Kleinstadt, der durch den kleinen Hafen begünstigt wurde. Ein weiterer Standortvorteil war die Eisenbahnbrücke über die Nahe. Diese schuf eine Verbindung zwischen Bingen und Mainz, Köln und Bad Kreuznach und förderte ebenfalls die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt.[Anm. 1] Diese Vorzüge des Standortes und vor allem seine Lage am Rhein als bedeutender Handelsweg führten zur bedachten Ansiedlung Adam Rackes in Bingen.[Anm. 2]

1.2.Gründung der Firma Racke im 19. Jahrhundert

Weintransport mit Racke-Fuhrmann Engelhardt, um 1957[Bild: Stadtarchiv Bingen]

Adam Joseph Racke wurde am 20. Oktober 1827 als Sohn von Caspar Racke und Ursula, geb. Eckart in Mainz geboren. Seine Eltern führten eine Essig- und Weinhandlung in der Mainzer Neubrunnengasse. Während sein ältester Bruder Jakob im Familienbetrieb tätig war, wollte Adam seine eigenen Wege gehen.  Aus diesem Grund zog er im Jahr 1855 von Mainz nach Bingen, um dort mit dem geliehenen Geld seiner Eltern eine eigene kleine Weinessig- und Branntweinhandlung  in der Marschallgasse in Bingen zu eröffnen.[Anm. 3]

In Bingen konnte Adam Racke rasch sowohl private Veränderungen als auch unternehmerischen Erfolg verzeichnen. Aus seiner Heirat mit Johanna Beck gingen die Kinder Bertha und Georg hervor. Der Sohn war später im elterlichen Unternehmen tätig. 17 Jahre nach Eröffnung seines Fachgeschäftes in der Marschallgasse kaufte Adam Racke ein großes Anwesen in der Schmittstraße, das direkt unterhalb der Burg Klopp lag. Dort befanden sich eine Essigsiederei, eine Weinbrennerei, ein Weinlager und das Wohnhaus der Familie. Diese erste Expansion zeigte Rackes Erfolg als tüchtigen Geschäftsmann. Das Aussehen des Anwesens veränderte sich im Laufe der Zeit aufgrund baulicher Maßnahmen. Die Firma A. Racke war bis 1934 im Gebäude in der Schmittstraße ansässig.[Anm. 4]

Bereits im Jahr 1888 hatte Adam Racke den Familienbetrieb an seinen Sohn Georg übergeben. Dieser übernahm persönlich die Pflege des Weinbaus und war, wie bereits sein Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann. So gelang es ihm, die Größe des eigenen Weinguts in den Jahren von 1905 bis 1913 zu verdoppeln. Jedoch erkrankte Georg Racke und überlebte seinen Vater nur um ein Jahr. Er hatte keine Nachkommen, doch das Fortbestehen des Unternehmens konnte durch die Heirat von Adam Rackes Enkeltochter Bertel Ursula, der Tochter von Bertha Racke, mit dem ausgebildeten Weinkaufmann Heinrich Moller gesichert werden, der 1911 in das Unternehmen A. Racke eingetreten war.[Anm. 5]

Adam Joseph Racke verstarb am 15. März 1913.[Anm. 6] Die Frankfurter Zeitung vom 20. März 1913 würdigte seine Person mit folgenden Worten: „Stets ein aufrechter Mann von großer Energie und ehrenwertem Charakter, verfügte er über eine erstaunliche Arbeitskraft.“[Anm. 7] Sein Sohn Georg verstarb im darauffolgenden Jahr und mit seinem Tod ging der Familienbetrieb an Heinrich Moller-Racke über.[Anm. 8]


1.3.Adam Rackes gesellschaftliche Aktivitäten in Bingen

Die Frankfurter Zeitung honorierte mit ihrem Nachruf nicht nur Adam Rackes Unternehmergeist, sondern auch seine Persönlichkeit, die in seiner gesellschaftlichen Partizipation zum Ausdruck kam. Beispielsweise ist dem Haushaltsbuch seiner Frau Johanna zu entnehmen, dass die Familie regelmäßig 54 Kreuzer an den Carnevalsverein in Bingen entrichtete. Darüber hinaus war er auch im heimischen Turnerverein aktiv und wurde von den anderen Mitgliedern Waldläufer genannt. Des Weiteren war er Mitglied der Binger Feuerwehr und wurde für sein Engagement zum Ehrenpräsidenten der Feuerwehr ernannt. Für seine Tätigkeit als Präsident des Verwaltungsrates der Spar- und Leihkasse des Kreises Bingen erhielt er 1897 den Verdienstorden Philipp des Großmütigen von Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen. Seine außerberufliche Tätigkeit war nicht ausschließlich auf das Gemeinwesen beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf seine Zunft. Zum Beispiel war er im rheinhessischen Weinbauverband vertreten. Nicht nur Adam Racke, sondern auch sein Sohn Georg vertrat ihre Interessen. Er hatte den ersten Vorsitz der Vereinigung der Binger Weinbergbesitzer inne und war Abgeordneter im deutschen Weinbauverband. Dieses Engagement verschaffte der Familie zusätzliches Ansehen in Bingen.[Anm. 9]

1.4.Das Unternehmen A. Racke im 20. Jahrhundert

Handwerker vor dem Fabrikneubau der Firma A. Racke, 1934 [Bild: Stadtarchiv Bingen]

Auch unter der Leitung von Heinrich Moller-Racke ab 1914 konnte sich das Unternehmen, trotz des Ersten Weltkrieges, stetig vergrößern. Hierfür ließ der Unternehmer unter anderem neue und moderne Gebäude inklusive einer Destillerie und einem Produktionsgebäude erbauen. Für diese räumliche Erweiterung zog das Unternehmen (1934) von der Schmittstraße in die Georg-Stefan-Straße in Bingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ein neuer Führungswechsel innerhalb des Familienbetriebs. Harro Moller-Racke löste seinen Vater als Firmenleiter ab und begann die Angebotsvielfalt von A. Racke zu reduzieren.[Anm. 10] Er konzentrierte sich fortan auf die drei Säulen: Rum, Whisky und Wein.[Anm. 11] Die Reduzierung und Neustrukturierung des Angebots führte zu einer Fokussierung auf einzelne Produkte mit einer besonders hohen Qualität.[Anm. 12] So avancierte beispielsweise der aus Serbien stammende Amselfelder unter Harro Moller-Racke zu einer der erfolgreichsten Weinmarken Westdeutschlands.[Anm. 13] Auch Racke Rauchzart (Whisky) zählte zu einem der bekanntesten Produkte des Unternehmens. Mit dieser neuen Produktpalette gelang A. Racke Ende der 1960er Jahre der kommerzielle Aufschwung und sein Unternehmen stieg gleichzeitig zu einem bedeutendem Handelshaus für Wein und Spirituosen auf.[Anm. 14] Durch die Fusion des Familienbetriebs mit Schiering (Pott) im Jahre 1974 konnte sich die Unternehmensgruppe unter der Führung von Harro Moller-Racke kontinuierlich vergrößern.[Anm. 15] Nach der Fusion verzeichnete das Unternehmen in den Jahren 1977/1978 einen Umsatz von 233 Millionen Mark.[Anm. 16]

Das Unternehmen unterhielt zudem Tochterfirmen in Österreich, Polen, Tschechien, den Niederlanden und den USA. Ebenfalls kaufte bzw. beteiligte sich das Unternehmen A. Racke an weiteren Firmen, um sein Angebot zu vergrößern. Ein Beispiel hierfür ist der Kauf des Mainzer Traditionsbetrieb Kupferberg im Jahr 1978.[Anm. 17]

Der letzte Wechsel an der Führungsspitze vollzog sich im Jahr 1991. Marcus Moller-Racke übernahm in diesem Jahr das Familienunternehmen und legte den Fokus auf die Produktion und den Handel von Wein. Er beabsichtigte neue Produkte zu entwickeln und alten Marken ein neues Image zu verleihen, jedoch gelang ihm dieses Vorhaben nur geringfügig. Während sein neues Weinprodukt Viala in den 1990er Jahren großen Anklang fand[Anm. 18], misslang ihm die Neuplatzierung von Kupferberg Gold. Durch die Neugestaltung des Sektflaschenetiketts und dem Anheben des Preises um 1 DM sollte das Produkt einen höheren Ertrag erzielen. Allerdings stellt sich das Gegenteil ein und so wurden die Veränderungen kurzer Hand rückgängig gemacht.[Anm. 19]

Auch sank bereits kurz nach der Übernahme des Unternehmens durch Marcus Moller-Racke im Jahr 1993/1994[Anm. 20] der Umsatz von rund 578 Millionen DM, im Jahr 1990/1991, auf circa 570 Millionen DM ab. Der anvisierte Umsatz von einer Milliarde DM blieb unerreicht. Auch die Zahl der Beschäftigten wurde von 800 auf 650 Mitarbeiter im selben Zeitraum reduziert. Ein Grund für diesen negativen Trend von A. Racke GmbH & Co. KG war die zunehmende Dominanz von global agierenden Großkonzernen wie Bacardi oder Grand Metropolitan.[Anm. 21] Ebenfalls änderten sich in den 1990er Jahren die Trinkgewohnheiten der Konsumenten, die mit einem zunehmenden Fitnesstrend vermehrt auf Wasser und Saft zurückgriffen. Diese Tendenz ließ den Umsatz auch sinken.[Anm. 22]

Des Weiteren trugen Veränderungen innerhalb des Familienunternehmens zu einer negativen Konzernentwicklung bei. Hier ist vor allem der Ausstieg des früheren Geschäftsführers Harro Moller-Racke sowie der Familie Schiering und des Altmanagements, die im Jahr 1994 das Unternehmen als Gesellschafter verließen, zu nennen. Nach eigenen Angaben von Marcus Moller-Racke aus dem Jahr 2009 musste er seit der Übernahme des Betriebs 1991 22 von 26 Gesellschaftern auszahlen. Dies führte dazu, dass 75% der Firmenanteile in seinen Besitz übergingen. Allerdings wurde das Unternehmen durch die vorzeitige Auszahlung der Firmenanteile, umgerechnet rund 50 Millionen Euro, zusätzlich finanziell geschwächt. Durch die Übernahme der Mehrheit am Unternehmen war Marcus Moller-Racke ebenfalls verpflichtet die Betriebsrenten an die Rentner der aktuellen und ehemaligen Racke-Töchter Pott, Dujardin, Kupferberg und Scharlachberg zu zahlen. Hierfür musste er Bankkredite mit hohen Zinssätzen aufnehmen, die die erwirtschafteten Gewinne aufzehrten und kaum Kapital für die eigene Unternehmensfinanzierung übrig ließen. Im Jahr 2006 verkaufte die Dujardin-Gruppe ihre Firmenanteile, wodurch das Unternehmen einen weiteren Rückschlag einstecken musste. Seit der Übernahme des Unternehmens durch Marcus Moller-Racke konnte sich der Betrieb nicht von seinen finanziellen Altlasten befreien. Aus diesem Grund verkaufte das Unternehmen mehrere Teilfirmen, unter anderem Blanchet im Jahr 2009 an die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien.  Blanchet galt zu diesem Zeitpunkt als die meistverkaufte Stillweinmarke Deutschlands. Noch im Jahr 2008 verkaufte A. Racke GmbH & Co. KG 10,6 Millionen Flaschen Blanchet und generierte somit einen Umsatz von 23,6 Millionen Euro.[Anm. 23]

Nach dem Verkauf von Blanchet musste das Binger Familienunternehmens A. Racke GmbH & Co. KG im Jahr 2010 Insolvenz anmelden.[Anm. 24]

von Christina McMullin, Juli 2016

Anmerkungen:

  1. Faust, Ingrid: Ein Leben aus der Gründerzeit. Adam Joseph Racke. Gründung der Firma A. Racke vor 140 Jahren, am 12. Nov. 1855, S. 1. Zurück
  2. Haessler, Georg/Troost, Gerhard (Bearb.): Alcoholica. Vom Werden und Wachsen Geistreicher Getränke, S. 3. Zurück
  3. Faust, Ingrid: Ein Leben aus der Gründerzeit. Adam Joseph Racke. Gründung der Firma A. Racke vor 140 Jahren, am 12. Nov. 1855, S. 2-4. Zurück
  4. Ebd., S. 4-5. Zurück
  5. Ebd., S. 6-7. Zurück
  6. Ebd., S. 7. Zurück
  7. Frankfurter Zeitung zitiert nach: Faust, Ingrid: Ein Leben aus der Gründerzeit. Adam Joseph Racke. Gründung der Firma A. Racke vor 140 Jahren, am 12. Nov. 1855, S. 7. Zurück
  8. Zöller, Romy (Bearb.): Portrait of a family-run company, S. 8. Zurück
  9. Faust, Ingrid: Ein Leben aus der Gründerzeit. Adam Joseph Racke. Gründung der Firma A. Racke vor 140 Jahren, am 12. Nov. 1855, S. 6. Zurück
  10. Zöller, Romy (Bearb.): Portrait of a family-run company, S. 8. Zurück
  11. Der Spiegel: Rauchzart und knallhart, Ausgabe 31/1978, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40606592.html, letzter Zugriff: 18.07.2016. Zurück
  12. Eine ähnliche Entwicklung fand auch bei Eckes statt. Vgl. Engelen, Ute: Eckes und die Nieder-Olmer Gewerbegebiete – Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, in: Kirschner, Hans-Valentin/Rettinger, Elmar (Hg.): Nieder-Olm im Herzen von Rheinhessen. Geschichte und Gegenwart, Mainz 2014, S. 261-272. Zurück
  13. Der Spiegel: Einer kam durch, Ausgabe 12/1967, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46437765.html, letzter Zugriff: 18.07.2016. Zurück
  14. Zöller, Romy (Bearb.): Portrait of a family-run company, S. 8. + Der Spiegel: Rauchzart und knallhart, Ausgabe 31/1978, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40606592.html, letzter Zugriff: 18.07.2016. Zurück
  15. Fischermann, Thomas: Chance für den Sprößling, Zeit online 1994, online unter: http://www.zeit.de/1994/49/chance-fuer-den-sproessling, letzter Zugriff: 12.07.2016. Zurück
  16. Der Spiegel: Rauchzart und knallhart, Ausgabe 31/1978, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40606592.html, letzter Zugriff: 18.07.2016. Zurück
  17. Zöller, Romy (Bearb.): Portrait of a family-run company, S. 8, 14-15. Zurück
  18. bildete ein Fünftel des gesamten Weinumsatzes des Unternehmens. Vgl. Der Spiegel: Schwarzer Überzieher, Ausgabe 23/1994, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13685535.html, letzter Zugriff: 18-07.2016. Zurück
  19. Der Spiegel: Schwarzer Überzieher, Ausgabe 23/1994, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13685535.html, letzter Zugriff: 18-07.2016. Zurück
  20. Die Angaben für das Jahr 1994 weichen in der Spiegelausgabe 23/1994 ab. Hier wird ein Jahresumsatz von 546 Millionen Deutsche Mark und 700 Mitarbeiter angegeben. Vgl. Der Spiegel: Schwarzer Überzieher, Ausgabe 23/1994, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13685535.html, letzter Zugriff: 18-07.2016. Zurück
  21. Fischermann, Thomas: Chance für den Sprößling, Zeit online 1994, online unter: http://www.zeit.de/1994/49/chance-fuer-den-sproessling, letzter Zugriff: 12.07.2016. Zurück
  22. Der Spiegel: Schwarzer Überzieher, Ausgabe 23/1994, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13685535.html, letzter Zugriff: 18-07.2016. Zurück
  23. Wein+Markt: Racke GmbH & Co. KG. Radikales Sanierungskonzept, Ausgabe 11/2009, online unter: https://www.wein-und-markt.de/mediaarchiv/web/58/6958.pdf, letzter Zugriff: 18.07.2016. Zurück
  24. Weinwirtschaft: Racke. Insolvenzantrag gestellt, vom 2. Juni 2010, online unter: https://www.meininger.de/de/weinwirtschaft/news/racke-insolvenzantrag-gestellt, letzter Zugriff: 12.07.2016. Zurück