.1.Deinhard Sektkellerei KG

1794: Gründung der Deinhard Sektkellerei in Koblenz

1997: Übernahme durch die Henkell & Co Sektkellerei KG in Wiesbaden

.1.1.Die Unternehmensgründung durch Johann Friedrich Deinhard

Johann Friedrich Deinhard (1772–1827)

Johann Friedrich Deinhard (1772–1827) wurde 1772 im elterlichen Gasthaus „Zum Löwen“ in Wollenberg bei Heidelberg als 14. von 15 Kindern geboren. Sein Vater Johann Michael Deinhard verwaltete das Weingut des Freiherrn von Gemmingen-Guttenberg und legte somit den Grundstein für die spätere Tätigkeit seines Sohnes.[Anm. 1] Neben der Gastwirtschaft betätigte sich die Familie auch im Weinbau sowie in anderen landwirtschaftlichen Zweigen und erledigte Arbeiten im Dienste des ortsansässigen Adels. Der spätere Unternehmensgründer wuchs demnach in bürgerlichen Verhältnissen auf, die ihm zu Beginn der 1790er Jahre eine Ausbildung als Kaufmann in der Stadt ermöglichten.[Anm. 2]

Diese absolvierte er von 1792 bis 1794 im Großhandelsgeschäft für Wein, Holz und Salz bei Cornelius Heyl II. in Worms, wo er bereits erste Kontakte zu anderen Jungunternehmern[Anm. 3] knüpfen konnte und seinen späteren Teilhaber Johann Friedrich Wencelius kennenlernte. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Ausbildung siedelte Deinhard nach Koblenz über und eröffnete dort am 1. Mai 1794 ein Handelsgeschäft, das überwiegend Kaffee und diverse Produkte aus Holland führte, die er von Kölner Kaufleuten bezog.[Anm. 4]

Über die Gründe für seine Ortswahl liegen keine eindeutigen, autobiografischen Quellen vor. Sicher ist, dass sein Vetter Johann Christian Friedrich Hermann bereits in Koblenz lebte und bei dem wohlhabenden Kaufmann und späteren Bürgermeister Johann Nikolaus Nebel arbeitete. Ein weiterer Faktor, der Koblenz zur damaligen Zeit für eine Unternehmensgründung prädestinierte, war die günstige Lage der Stadt, die am Zusammenfluss von Rhein und Mosel inmitten zweier Weinbaugebiete liegt. Ebenso erleichterte das seit 1783 bestehende Toleranzedikt des Erzbistums Trier der protestantisch geprägten Familie Deinhard den Aufenthalt im katholisch dominierten Rheinland. Darüber hinaus kann die im selben Jahr beginnende napoleonische Herrschaft als möglicher Anreiz angeführt werden, da Deinhard zum einen bürgerlich liberale Werte vertrat und die Anwesenheit zahlreicher Franzosen zum anderen mögliche Handelsbeziehungen versprach.[Anm. 5]

Doch lukrative Geschäfte blieben zunächst aus, da in den Folgemonaten der Großteil des Koblenzer Adels die Residenzstadt aus Furcht vor den heranrückenden napoleonischen Truppen verließ. Der Beginn der sogenannten Franzosenzeit am 23. Oktober desselben Jahres leitete eine Phase wirtschaftlicher Not und zunehmender Armut ein, die die Existenz der Kaufmänner jedoch nur kurzfristig bedrohte. Denn mit der Ansiedlung zahlreicher französischer Beamter stieg die Nachfrage nach ausländischen Produkten, insbesondere nach Genussmitteln und Luxusgütern, wie Johann Friedrich Deinhard sie anbot. Zu seinem Warenangebot gehörten Weine aus seiner Heimat Wollenberg und aus Burgund, französische Champagnerweine, Spirituosen, Schokolade, Kandiszucker, Reis, Zitronen und Kölnisch Wasser, wobei sich vor allem letzteres „unter den Franzosen großer Beliebtheit erfreute.“[Anm. 6]

Im Rahmen des Geschäftsaufbaus spielten persönliche Beziehungen eine durchweg wichtige Rolle. In den Jahren 1796 bis 1798 war Johann Friedrich Deinhard für das Bankhaus der Familie Mülhens tätig, was ihm hilfreiche Erfahrungen für seine eigenen Geschäfte einbrachte.[Anm. 7] Heinrich Mülhens hatte in kurtrierischer Zeit ein Monopol auf den Lumpenhandel zur Belieferung von Papierfabriken und konnte so ein Bankhaus aufbauen, dass mittels Kreditvergabe den Staatshaushalt des Kurfürstentums mit getragen hatte und später auch die Geschäfte des Unternehmen Deinhard abwickelte. Außerdem arbeitete Johann Friedrich Deinhard seit 1796 im Kontor von Nikolaus Nebel, der mit Tuch und Fayence aus England handelte und eine Puderfabrik besaß. Mit ihm gründete Deinhard drei Jahre später ein Früchtegeschäft, das noch 1814 Getreide an das preußische Militär lieferte.[Anm. 8] 1801 heiratete er Nebels Tochter Barbara Ludovika und zog zurück nach Worms. Ohne sein Geschäft in Koblenz aufzugeben,[Anm. 9] rief er dort gemeinsam mit Friedrich Henninger, Präsident des Wormser Jakobinerclubs, das Unternehmen „Henninger & Deinhard“ ins Leben, welches sich jedoch nicht etablieren konnte, sodass Deinhard bereits ein Jahr später nach Koblenz zurückkehrte.[Anm. 10]

Gemeinsam mit seiner Ehefrau bezog er ein Haus in der Hauptgeschäftsstraße der Stadt, in der Löhrstraße 636 . Gleichzeitig festigte sich mit dem Friede von Lunéeville 1801 allmählich die napoleonische Herrschaft, was sich in der Lockerung der Handelsbeschränkungen und der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Koblenzer Bevölkerung äußerte.[Anm. 11] Von nun an stiegen die Einnahmen des Unternehmens „Deinhard & Co“ erheblich an, sodass es zu einer Ausweitung des Weinhandels in mittelrheinischen Raum kam. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das Ausscheiden des Teilhabers Laurenz Boyhawe 1804 und die tatkräftige Hilfe Johann Nikolaus Nebels, der ab 1804 maire (Bürgermeister) der Stadt Koblenz war und seinen Schwiegersohn mit wichtigen Kontaktpersonen bekannt machte. [Anm. 12] In dieser Phase verfügte das Unternehmen über drei Mitarbeiter, mit deren Hilfe es Johann Friedrich Deinhard gelang, ein weitgespanntes Reisevertreternetz aufzubauen, das die Bereitstellung seiner Produkte gewährleistete und bis 1805 durch die aus Frankreich stammenden Brüder Alexander und Lorenz Steck getragen wurde. [Anm. 13] So konnte das Unternehmen Handelsbeziehungen in das französische Wirtschaftsgebiet, insbesondere nach Frankreich, Belgien und Holland aufnehmen, aber auch nach Frankfurt, Hamburg, Berlin und München ausliefern und sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts schließlich voll und ganz auf den Weinhandel spezialisieren. Den Einkauf der Weine tätigte der Unternehmensinhaber nach eigenen Angaben selbst und bereiste dazu ständig alle umliegenden Weinanbaugebiete (Ahr, Mittelrhein, Mosel, Saar-Ruwer, Nahe und Rheinhessen).[Anm. 14] Die Bilanz der regen Geschäftstätigkeit Johanns Friedrich Deinhards zeigt rückblickend eine Weinpreisliste aus dem Jahre 1808: Sie umfasst 89 Weißweine und 10 Rotweine, die vom nahegelegenen Horchheimer Rotwein aus dem Jahr 1807 für 30 Reichsthaler, über 43 verschiedene Moselweine für 100 bis 500 Reichsthaler, bis hin zum 1748er Rheinwein aus Hochheim für 4.000 Reichsthaler die enorme Qualitäts- und Preisspanne des Hause Deinhard zu erkennen gibt.[Anm. 15]

Deinhard-Etikett aus dem späten 19. Jahrhundert

.1.2.„Deinhard & Tesche“ (1807–1834)

Karl Anton Tesche (um 1778–1834), ein Tabakfabrikant aus Solingen, der 1804 ein Weinhandelsgeschäft eröffnet hatte, heiratete 1805 ebenfalls in die Familie Nebel ein und schloss sich mit Johann Friedrich Deinhard zusammen. So konnte „Deinhard & Co“ unter dem neuen Namen „Deinhard & Tesche“ nun auch den rechtsrheinischen Markt erschließen und in der gegenüberliegenden Stadt Ehrenbreitstein Weine verkaufen. 1812 kam zudem der Kölner Tabakfabrikant Johann Friedrich Wencelius hinzu, da das von Frankreich erlassene Tabakmonopol die Aufrechterhaltung seines langjährigen Tabakhandels unmöglich machte. Als contrôleur ordinaire de fabrication war er im Hause Deinhard für das Kontor verantwortlich.[Anm. 16]

Das Deinhard Stammhaus in Koblenz [Bild: Holger Weinandt]][Bild: [cc-by-sa 3.0] Holger Weinandt]

Um den Bestand über den Einkauf hinaus zu sichern, erwarb Johann Friedrich Deinhard gemeinsam mit seinen beiden Geschäftspartnern in den Jahren 1813 bis 1823 mehrere Weingüter in Zeltingen und Rachtig an der Mittelmosel.[Anm. 17] Außerdem wurde 1815 das Stammhaus des Unternehmens von der Löhrstraße in die Neustadt verlegt und der angrenzende Keller des Jesuitenordens angemietet. Der neue Standort war damit gegenüber dem Schloss und neben dem Koblenzer Theater gelegen und entsprach dem sozialen Aufstieg des Unternehmensgründers, der als Weinkenner und Kaufmann zu jener Zeit großes Ansehen genoss und mehrere staatliche Ämter bekleidete. Noch heute befindet sich das Deinhard Museum in diesem repräsentativen, frühklassizistischen Bau.[Anm. 18]

Alles in allem lagerten 52%   des in Koblenz insgesamt eingelagerten Fassweins zum Zeitpunkt der Rückeroberung der rheinischen Städte durch Preußen Ende des Jahres 1815 in den Kellerräumen des Unternehmens „Deinhard & Tesche“, welches damit als bedeutendstes Weinhandelsunternehmen am Rhein bewertet werden kann.[Anm. 19]

.1.3.„Deinhard & Jordan“ (1834–1864)

Mit der preußischen Herrschaft nahmen die Gewinne der Vorjahre zunächst ab. Johann Friedrich Deinhard widmete sich deshalb verstärkt dem in Andernach gegründeten Geschäft für Leder- und Lohhandel und setzte sich in seiner Position als Gutachter der preußischen Behörden für eine Steuersenkung im Weinhandel ein.[Anm. 20] Doch erst mit der vermehrten Anwesenheit englischer Reisender eröffneten sich für das Unternehmen neue Absatzmöglichkeiten, denn der Moselwein stieß bei den Touristen auf großes Interesse. Aus diesem Grund begann 1825 der Weinexport nach Großbritannien, der aufgrund der dortigen Zollermäßigungen eine für die Folgezeit enorm wichtige Einnahmequelle des Unternehmens darstellte. Dabei stellten die seit 1811 herausgegebenen „Herbstberichte“ bzw. in englischer Sprache „Vintage Reports“ dem Kunden nicht nur umfangreiche Informationen rund um den deutschen Wein bereit, sondern auch ein vertrauenerweckendes Werbemittel dar. Der großen Nachfrage entsprechend wurde 1833 eine Firmenniederlassung in London gegründet, die maßgeblich von Anton Jordan (1804–1890), dem Schwiegersohn Johann Friedrich Deinhards, der seit 1822 als Buchhalter im Unternehmen tätig war, betreut wurde.[Anm. 21]

Trotz des großen Erfolgs des Unternehmens „Deinhard & Tesche“ stand es beim Tod Johann Friedrich Deinhards am 23. Oktober 1827 nicht auf solch einer soliden Grundlage, die für die vorhergesehene gleichberechtigte Aufteilung seines Vermögens an seine sechs Kinder notwendig gewesen wäre. [Anm. 22] Des Wweiteren wurden 1830 durch den Tod Wecelius‘ und 1834 durch das Ausscheiden Tesches 1834 abermals finanzielle Fragen aufgeworfen, die schließlich durch die Beteiligung Anton Jordans am Unternehmen gelöst werden konnten. Während nun August Deinhard (1806–1865), der älteste Sohn des Unternehmensgründers, die Geschicke im Koblenzer Stammhaus führte, gab Jordan die Auslandvertretung in London an dessen jüngeren Bruder Carl Deinhard (1809–1850) ab, heiratete August Deinhards Schwester Louise Deinhard und stand seinem Schwager bei der Inlandsvertretung zur Seite. [Anm. 23] Im selben Jahr kam es erneut zu einer Verringerung der Absatzmöglichkeiten, da die Gründung des Zollvereins für das Unternehmen neue Restriktionen bedeuteten. In dieser Situation entschloss man sich dazu, in die technisch neuartige Schaumweinproduktion einzusteigen und die Erzeugnisse der von Tesche gegründeten Champagnerfabrik ebenfalls zum Verkauf anzubieten. [Anm. 24]In den darauffolgenden Jahren gewannen die ab 1843 selbstständig hergestellten Sektsorten „Ehrenbreitstein mousseaux ", „Rhin mousseaux“, „Mosel mousseux“ und der ab 1865 hergestellte Saar- Sekt „Scharzberg“ immer mehr Zuspruch und wurden zum festen Bestandteil der Deinhardschen Produktpalette.[Anm. 25]

.1.4.„Deinhard & Co“ (1864–1994)

August Deinhard (1806–1865)

Meinungsverschiedenheiten zwischen Anton Jordan und August Deinhard führten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Trennung der Geschäftspartner, wobei Jordan einen eigenen Weinhandel in Koblenz und London gründete.[Anm. 26] Daraufhin nahm August Deinhard 1856 Johann Jacob Hasslacher (1835–1903) und Julius Wegeler (1836–1913) in die Geschäftsleitung auf und beteiligte sie an „Deinhard & Co – Koblenz und London“ mit je 25%. Beide hatten in die Familie Deinhard eingeheiratet und waren seit dem Tod Carl Deinhards 1850 in das Exportgeschäft nach England eingebunden. [Anm. 27] Mit dem Tod August Deinhards 1865 und seiner Witwe zehn Jahre später oblag seinem Schwiegersohn Julius Wegeler die alleinige Unternehmensleitung in Koblenz, dessen Schwager Hasslacher jene in der Londoner Niederlassung. Wegeler war politisch aktiv, vertrat zeitlebens die Nationalliberalen im Koblenzer Stadtrat (1872) und wirkte in seiner Position als Präsident des deutschen Weinbauvereins 1893 bis 1905 am 1901 erlassenen Weinbaugesetz mit. Hasslacher erwarb 1865 die englische Staatsbürgerschaft, führte das Unternehmen ab 1891 formell losgelöst vom Koblenzer Stammhaus und weitete den Weinhandel nach Übersee aus. So entstanden weitere Absatzmärkte in Australien (Melbourne, seit 1843), in den USA (New York, Philadelphia, Boston, Washington, Chicago, Cincinnati, Milwaukee seit ca. 1845) und im englischen Kolonialreich (Kalkutta seit 1857, Sumatra seit ca. 1850, Südafrika seit 1881).[Anm. 28]

Julius Wegeler, 1893, gez. von C.W. Allers

Damit hatte sich „Deinhard & Co“ spätestens in der Kaiserreichszeit zu einer prestigeträchtigen Marke entwickelt und behauptete als Deutschlands größter Sekt- und Weinbetrieb eine international führende Marktposition.[Anm. 29] Dies unterstreicht die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Übernahme des Unternehmens durch Wegeler und Hasslacher ca. 20 Mitarbeiter am Standort Koblenz arbeiteten, 1904 sich diese Zahl jedoch verzehnfacht hatte und „Deinhard & Co“ ca. 200 Mitarbeiter beschäftigte. Trotz der großen Anzahl und der Auflösung des patriarchalischen Arbeitsverhältnisses blieb die enge Bindung der Belegschaft an die Familie Wegeler auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestehen. Dabei handelte es sich hauptsächlich um kaufmännische Angestellte sowie Sekt- und Weinküfer, wobei mit der Zeit auch die Beschäftigungszahl der Frauen zunahm.[Anm. 30]

Rückblickend ergab sich diese Wachstumsphase aus dem gesteigerten Export sowie aus der Tatsache, dass Julius Wegeler das Unternehmen mittels großflächiger, firmeneigener Weingüter auf sichere Grundlagen stellte. Diese befanden sich in Oestrich und Rüdesheim und erstreckten sich über ein Gebiet von 58 Morgen.[Anm. 31] Weitere Anbauflächen in Bernkastel-Kues, woher der „Bernkastel Doctor“-Wein stammte, brachten dem Unternehmen kurze Zeit später nie da gewesene Gewinne ein.[Anm. 32] Neben dem Berncasteler Doctor war der bis heute bestehende Sekt „Deinhard Cabinet“ besonders beliebt bei den hochrangigen Abnehmern. Der Sekt wurde erstmals 1888 auf der Kölner Gartenbau-Ausstellung vorgestellt und wenig später von Kaiser Wilhelm II. öffentlich gelobt. Die Herstellung der Schaumweinsorten beruhte seit 1892 auf dem Degorgierverfahren, das Julius Wegeler in Frankreich kennengelernt und für Deutschland sogleich patentiert hatte.[Anm. 33] Wurde hier noch offen mit der Nähe zur französischen Champagnerproduktion geworben, änderte sich das zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1910 stellte das Unternehmen die Marke Lila vor, einen Sekt, der auf Riesling-Basis dem nationalen Zeitgeist entsprechen sollte und sich explizit vom französischen Champagner distanzierte.[Anm. 34] Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die französische Bezeichnung kurzerhand vereinnahmt und mit dem selbstbewussten Slogan: „Deinhard Cabinet – Die deutsche Weltmarke verdankt Beliebtheit und Weltruf seinem langen Flaschenlager und der edlen Qualität der zur Herstellung verwandten Champagnerweine“[Anm. 35] geworben.

Im Zuge des Ersten Weltkrieges verlor „Deinhard & Co“ seine Auslandniederlassungen und damit einen Großteil seiner Einnahmen.[Anm. 36] In der 1918 einsetzenden französischen Besatzungszeit kam für Carl Wegeler, der 1913 die Leitung des Unternehmens seines verstorbenen Bruders übernommen hatte, erschwerend hinzu, dass Schaumwein aus Frankreich zollfrei eingeführt wurde. Trotzdem konnte die Deinhardsche Sektproduktion aufrechterhalten werden, nicht zuletzt weil die Erzeugnisse der Marke Deinhard nationalistisch aufgeladen wurden und dem zwar preisgünstigeren, aber französischen Pendant oftmals vorgezogen wurden. Auch die in den 1920er Jahren einsetzende Inflation überstand das Unternehmen dank umfangreicher Geschäfte mit Londoner Abnehmern weitgehend problemlos.[Anm. 37] In diesen Krisenzeiten kam ferner den Rheingauer Weingütern eine gewisse Bedeutung zu, da sie seit 1911 Eigentum des Unternehmens waren und so eine geldwertunabhängige Einnahmequelle darstellten.[Anm. 38] Verwaltet wurden sie ab 1920 von August Wegeler, dem Sohn von Carl Wegeler.

Deinhard-Etikett aus der Kaiserreichszeit

Mit dem Tod Johann Jacob Hasslachers 1903 und Carl Wegelers im März 1921 übernahmen deren Söhne Alexander Hasslacher (1876 –1853) sowie Julius (1887–1961) und Gerhard Wegeler (1894–1953) die Unternehmensleitung von Deinhard & Co. Während Alexander Hasslacher schon 1898 von London nach Koblenz übergesiedelt war, die Unternehmensführung in London seinem Bruder Charles Hasslacher (1865–1961) überlassen hatte, und nun die Rolle des primus inter pares übernahm, kümmerte sich Julius Wegeler ab 1915 um die Auslandsgeschäfte. Sein jüngerer Bruder Gerhard wurde 1919 beteiligt und überwiegend als Gesellschafter im Inland eingesetzt.[Anm. 39] In den sogenannten Goldenen 1920er Jahren konnten die engen Beziehungen zur Londoner Niederlassung wieder aufgenommen und die Verluste der Kriegsjahre größtenteils wieder wettgemacht werden. Allein Großbritannien bezog 1933 von 208.492 Flaschen Wein insgesamt 145.659 Flaschen aus Deutschland. Der Anteil der aus dem Hause Deinhard stammenden Flaschen belief sich dabei auf 93.588.[Anm. 40]

In der Zeit des Nationalsozialismus ergaben sich aus den engen Auslandsbeziehungen wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten, die u.a. dazu führten, dass Gerhard und Julius Wegeler kurzfristig inhaftiert wurden. Der Generalverdacht der Devisenhinterziehung hatte verstärkte staatliche Kontrollen zur Folge und veranlasste die Geschäftsführer schließlich dazu, den Export nach England um die Hälfte zu verringern.[Anm. 41]

Während des Zweiten Weltkriegs zerstörten Bombenangriffe in den Jahren 1944 und 1945 80% der überirdischen und 40% der unterirdischen Betriebsanalagen des Unternehmens. Erste Wiederaufbaumaßnahmen wurden jedoch bereits in der zweiten Jahreshälfte 1945 durchgeführt.[Anm. 42] Trotz der umfangreichen Requisitionen und der daran anschließenden restriktiven Wirtschaftspolitik der französischen Militärbehörde[Anm. 43] sowie der finanziellen Selbstständigkeit der Londoner Niederlassung nach der Währungsreform 1948 verhalf die in den 1950er Jahren einsetzenden wirtschaftlichen Verflechtung Europas dem Unternehmen Deinhard zu einer mehr oder minder raschen Wiederherstellungen seiner Verkaufszahlen.[Anm. 44]

Schon im Herbst 1947 erwarb Austin Hasslacher, Sohn von Charles Hasslacher und Direktor der Londoner Niederlassung, gemeinsam mit seinem Cousin Alfred Hasslacher die Lizenz, deutschen Wein importieren zu dürfen und so den Handel mit dem Koblenzer Stammhaus wieder aufnehmen zu können.[Anm. 45] „Es war ein denkwürdiger Tag, als nach fast neunjähriger Unterbrechung die erste, für verschiedene Gebiete des britischen Commonwealth bestimmte zusammengestellte Sendung die Betriebsanlagen in Koblenz verließ: 1.200 Kisten, die u.a. nach Südafrika, den Bermudas, Hongkong, Singapur, den Philippinen und Malta sowie für einige Schifffahrtsgesellschaften bestimmt waren.“[Anm. 46] In diesem Zusammenhang erwiesen sich die Rheingauer Weingüter abermals als wichtige Stütze des Unternehmens. Da Oestrich nach dem Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Besatzungszone lag, konnte Karl Felix Wegeler, der die Gutsverwaltung 1942 von seinem Vater übernommen hatte, ab 1947 lukrative Handelsbeziehungen mit den USA aufnehmen und das New Yorker Unternehmen „Julius Wile Sons & Co“ eröffnen. Es fungierte als Interessenvertretung von „Deinhard & Co“ und steigerte den Export des Unternehmens in den 1950er Jahren um 164% im Vergleich zur Vorkriegszeit.[Anm. 47]

Etwa zur gleichen Zeit begann die Ausfuhr in die Niederlande, wohingegen der Handel mit Frankreich noch immer über private Importverträge stattfand.[Anm. 48] Erst die Aufnahme französischer Wein- und Sektsorten wie Byrrh, Pommery und Pernod-Weine in der Produktreihe Epikur ab 1949 verbesserte die Handelsbeziehungen mit Frankreich.[Anm. 49]

Der Sektverkauf kam durch die Steuersenkung von 3 auf 1 DM im Jahre 1952 wieder voll in Gang. Bis Mitte der 1960er Jahre verzeichnete Deinhard in diesem Bereich eine Umsatzsteigerung von 8 bis 28% jährlich, was einer Produktionssteigerung um etwa das Zehnfache entsprach. Wesentlich für diesen Aufschwung war die Tatsache, dass Wein und Sekt nicht mehr nur von den höheren Bevölkerungsschichten getrunken wurde, sondern auch in der breiten Mittelschicht neue Abnehmer fand.[Anm. 50] Dementsprechend forcierten die Unternehmer eine Preissenkung einzelner Produkte durch verringerte Produktionskosten, welche durch das neuartige Verfahren des Fassgärens und die Mechanisierung des Abfüllens erreicht werden konnte. Prestigeträchtige, teure Produkte wie der „Deinhard Lila“ blieben dem traditionellen Anspruch gemäß dennoch bestehen.[Anm. 51]

Mit dem Tod Gerhard Wegelers 1953 und Julius Wegelers 1961 übernahm Heinz Hasslacher (geb. 1914) die Rolle des Seniorchefs bei „Deinhard & Co“. Gerhard Wegelers Sohn Rolf Wegeler und sein Neffe Hanns Christof Wegeler waren gleichzeitig sowohl im Inland als auch im Ausland tätig und ebenfalls Teil der Geschäftsleitung. Letzterer vertrat das Unternehmen im deutschen Sektverband und übernahm u.a. 1983 das Amt des Vizepräsidenten des Verbandes deutscher Sektkellereien e. V. Sein Sohn Nikolaus Julius Wegeler regelte die Geschäfte in der amerikanischen Niederlassung „Deinhard & Partners U.S.“ Auch in den 1980er Jahren machte der Export einen großen Teil des Umsatzes aus und ging zu 90 % in die USA. Kanada, Großbritannien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Niederlande, Japan, Südkorea und Honkong gehörten ebenfalls zu den Abnehmern der Produkte aus dem Hause Deinhard.[Anm. 52] Ab 1965 wurde neben dem Stammhaus in der Koblenzer Innenstadt eine weitere Produktionsstätte in Koblenz-Wallersheim in Betrieb genommen. Gleichzeitig wurde die Belegschaft auf 400 Personen aufgestockt.[Anm. 53] Auf Grund der Ausweitung entschloss sich „Deinhard & Co“ fünf Jahre später zu der Umstellung zu einer Kommanditgesellschaft auf Aktien und setzte erstmals ein Fremdmanagement ein, welches neben den Unternehmensinhabern aus einem geschäftsführenden Direktorium bestand.[Anm. 54] 1978 erhielten Rolf und Hanns Christof Wegeler die Unternehmensanteile der Familie Hasslacher und fungierten weiterhin als persönlich haftende Gesellschafter.

.1.5.Deinhard bei Henkell & Söhnlein (seit 1997)

Zum 200-jährigen Jubiläum 1994 wurde das Unternehmen Deinhard schließlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Mit der Übertragung des gesamten Aktienkapitals an die Henkell & Söhnlein Gruppe im Jahre 1997 endet die Geschichte des Koblenzer Familienunternehmens, aber die Traditionsmarken aus dem Hause Deinhard blieben erhalten und sind noch heute käuflich zu erwerben.

Von Katharina Thielen, 2017

Anmerkungen:

  1. Zur Familiengeschichte des Unternehmensgründers siehe Treue, S. 7–9. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 9 ist der Weinanbau und -handel in der Familie Deinhard seit 1580 nachgewiesen, da sie zu diesem Zeitpunkt als Weinschenke in Nürnberg tätig waren und das Methaus „Bey der Rosen“ unterhielten. Zurück
  2. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 9 leitete ihn „der Wunsch nach Selbständigkeit und unternehmerischen Handelns , nach Freiheit und Ausweitung des eigenen Lebens über enge Grenzen hinaus bis hin zu den Handelsbeziehungen im Ausland.“  Zurück
  3. Prößler, 200 Jahre, S. 9 und Treue, S. 9 sprechen u.a. von Johann Maria Farina, der Inhaber einer Kölner Parfümerie war.  Zurück
  4. Zu Johann Friedrich Deinhards unternehmerischer Tätigkeit siehe auch Prößler, Aktivitäten. Zurück
  5. Vgl. Prößler, 200 Jahre, S. 19f. und S. 27.  Zurück
  6. Prößler, 200 Jahre, S. 11 und S. 20. Zur Unternehmensgründung allgemein siehe auch Treue, S. 12. Zurück
  7. Prößler, 200 Jahre, S. 12f. stellt die Vermutung auf, dass Johann Friedrich Deinhard bereits 1795 als Bankier für die Familie Mülhens tätig war, und beziffert sein Jahresgehalt auf 333 Reichsthaler.  Zurück
  8. Prößler, 200 Jahre, S. 13. Zurück
  9. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 13 wurde es in dieser Zeit von den befreundeten, aus Frankreich stammenden Gebrüdern Steck und den Söhnen Johann Nikolaus Nebels weitergeführt.  Zurück
  10. Hierzu Prößler, 200 Jahre, S. 14. Zurück
  11. Prößler, 200 Jahre, S. 16–21. Dabei konnte Deinhard sich das durch die Säkularisierungsmaßnahmen der französischen Regierung freigewordene Weinbelieferungsmonopol des Deutschen Ordens zu Nutze machen. Zurück
  12. Nach Treue, S. 12 hatte Deinhard 1804 Boyhawes Weinlager und Gerätschaften erworben. Prößler, 200 Jahre, S. 17–19 führt das Verhältnis zu Nebel und die Entwicklung des Weinhandels detailliert auf. Ebd. S. 21 bemerkt, dass sich Deinhard das durch die Säkularisierungsmaßnahmen der französischen Regierung freigewordene Weinbelieferungsmonopol des Deutschen Ordens zu Nutze machen konnte.  Zurück
  13. Prößler, 200 Jahre, S. 21f. Am Anfang standen Reisen nach Paris und Aufträge der französischen Militärverwaltung im Vordergrund. Zurück
  14. Prößler, 200 Jahre, S. 21. Dabei „streckte sich das Absatzgebiet bis 1813/14, dem Ende der Ära Napoleons, über den belgisch-niederländischen und niederrheinischen Raum, griff auf das rechte Rheinufer über und umfaßte Westfalen.“ Zurück
  15. Die Liste ist bei Prößler, 200 Jahre, S. 23f. abgebildet. Zurück
  16. Prößler, 200 Jahre, S. 19f. und Treue, S. 17f. Zurück
  17. Prößler, 200 Jahre, S. 24f. Zurück
  18. Prößler, 200 Jahre, S. 27. Treue, S. 17 sagt, dass das Unternehmen bereits 1810 an den Standort verlegt wurde. Zurück
  19. Prößler, 200 Jahre, S. 25 zählt 352 Fässer mit einer Weinmenge von 208.217 Liter Wein. Zur Bedeutung des Unternehmens vgl. ebd. S. 27ff. mit dem Schluss, dass „Deinhards Hauptverdienst in Koblenz […] aus heutiger Sicht darin [besteht], daß er frühzeitig das Weinexportgeschäft begründet und die Handelsbeziehungen nach Großbritannien und Übersee begonnen hat.“ Für das Vorjahr vgl. Treue, S. 22. Zurück
  20. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 32 gehörte das preußische Militär in Andernach zu seinen Hauptkunden und stellte eine sichere Einnahmequelle dar. Ebd. S. 25 und Prößler/Prößler, Wein, S. 43 skizzieren die Gutachterfunktion. Zurück
  21. Prößler, 200 Jahre, S. 31–36 und Treue, S. 23–28. Zurück
  22. Prößler/Prößler, Wein, S. 50 und 51. Zurück
  23. Treue, S. 41 und Prößler/Prößler, Wein, S. 50–54. Der jüngste Sohn des Unternehmensgründers Friedrich Deinhard hatte zunächst die Kontakte in Belgien und Holland gepflegt, trat jedoch 1844 aus dem Unternehmen aus, um ein Weingut in Deidesheim zu führen und sich politisch im Rahmen der 1848er Revolution zu betätigen. . Zurück
  24. Prößler, 200 Jahre, S. 34. Zurück
  25. Zur Sektherrstellung Tesches siehe Prößler, 200 Jahre, S. 37–39, ausführlich Treue, S. 49–61. Zurück
  26. Prößler, 200 Jahre, S. 45. Zurück
  27. Treue, S. 76 und Prößler, 200 Jahre, S. 44f. Nach ebd. hatte Hasslacher 1853 eine Ausbildung bei Deinhard begonnen. Wegeler war seit 1857 eingestellt und heiratete im Mai 1861 August Deinhards Tochter Emma Deinhard.  Zurück
  28. Zum Exporthandel siehe Prößler, 200 Jahre, S. 46–50. Zurück
  29. Ebd., S. 51 Zurück
  30. Diese erledigten nach Prößler, 200 Jahre, S. 74 überwiegend die Etikettierung, arbeiteten aber auch in der Sektkellerei. Erwähnenswert ist ferner die 1884 eingerichtete Betriebskrankenkasse sowie die Tatsache, dass die Firmeninhaber dem Arbeitsausschuss mehrmals Geld spendeten. Zurück
  31. Prößler, 200 Jahre, S. 57. Zurück
  32. Hierzu Prößler, 200 Jahre, S. 58f. In den 1920er Jahren kostete dieser Wein 12 bzw. 20 Mark. Zurück
  33. Prößler, 200 Jahre, S. 69. Zurück
  34. Prößler, 200 Jahre, S. 94. Zurück
  35. Zit. n. Prößerl, 200 Jahre, S. 67. Zurück
  36. Zur Situation während des Krieges siehe Treue, S. 171–177. Zurück
  37. Prößler, 200 Jahre, S. 90f. und Treue, S. 178f. Zurück
  38. Hierzu Prößler, 200 Jahre, S. 99f. Zurück
  39. Prößler, 200 Jahre, S. 92. Zurück
  40. Prößler, 200 Jahre, S. 97. In die USA wurden nur 3.012, nach Schweden 1.035 Flaschen exportiert. Zurück
  41. Zur nationalsozialistischen Zeit vgl. Prößler, 200 Jahre, S. 102. Nach ebd. beliefen sich die Einnahmen 1936 auf 891.000, 1939 auf 431.000 Reichsmark. Zurück
  42. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 102 entstand zusammen mit den allgemeinen Plünderungen am Ende des Krieges ein Schaden von 1,46 mio Reichsmark. Zurück
  43. Hierzu Prößler, 200 Jahre S. 107. Zurück
  44. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 107. Zurück
  45. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 106 hatten sie dazu ein festgesetztes Kontingent von 150.000 Pfund. Zurück
  46. Treue, S. 200. Zurück
  47. Nach Prößler, 200 Jahre, S. 106 wurden bis Jahresende 1948 62.700 Flaschen Wein und 3.000 Flaschen Sekt in die USA verschifft. Vgl. Treuer, S. 201. Zurück
  48. Prößler, 200 Jahre, S. 106 und 108. Zurück
  49. Prößler, 200 Jahre, S. 106 und Treue, S. 206. Zurück
  50. Prößler, 200 Jahre, S. 110. Zurück
  51. Prößler, 200 Jahre, S. 113. Zurück
  52. Prößler, 200 Jahre, S. 118. Zurück
  53. Prößler, 200 Jahre, S. 134. Zurück
  54. Prößler, 200 Jahre, S. 139. Zurück