Geschichte der Schuhindustrie in der Südwestpfalz

Die Südwestpfalz

[Bild: Lolita Märker]

Die Region Südwestpfalz war Teil des Grenzgebietes zwischen Deutschland und Frankreich. Dies führte zu sich ständig ändernden, unübersichtlichen Grenzverläufen. Die Südwestpfalz gehört zum waldreichen Pfälzer Gebirgsland, die sandigen Böden erlaubten nur den landwirtschaftlichen Anbau zur Selbstversorgung. Die Region galt daher als »Armenhaus der Pfalz«. Die Abgeschiedenheit der Region sowie das Fehlen ausgebauter Handelsstraßen machten das Gebiet unattraktiv für Ansiedlungen von Handwerk oder Industrie.

Dennoch wählte der spätere Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt Pirmasens 1740 als seine Residenz und rekrutierte in der Region für seine eigenen Regimenter. In wenigen Jahrzehnten wuchs die Bevölkerung von Pirmasens auf über 5.000 Personen an. Nach dem Tod Ludwigs IX. verlegte sein Nachfolger die Residenz zurück nach Darmstadt. Die Einwohnerzahl von Pirmasens sank wieder, bis das Schuhgewerbe in der Stadt bedeutender wurde. Anfänglich wurden billige Woll- und Stoffschuhe, die sogenannten Schlappen, im Familienbetrieb hergestellt.

Lederverarbeitung bei Carl Semler[Bild: StA Pirmasens]

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Fabriken gegründet, wodurch die Zahl der benötigten Arbeiter anstieg und die Stadt wuchs. Dabei blieb Pirmasens selbst schwer erreichbar. Eine einzelne Bahnverbindung nach Kaiserslautern wurde erst 1875 eröffnet. Trotzdem gedieh die Schuhindustrie in der Region. Auch Einwohner der ländlichen Gemeinden fanden in der wachsenden Industrie in Pirmasens Arbeit. Die Branche profitierte von der Isolation, denn die Löhne für Arbeiter waren in diesem Gewerbezweig sehr niedrig, sodass die Menschen bei alternativen Arbeitsmöglichkeiten andere Branchen bevorzugten.

Die Nachteile der Monoindustrie machten sich erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts bemerkbar. Nach einer Phase der Hochkonjunktur in den 50er- und frühen 60er-Jahren geriet die deutsche Schuhindustrie durch günstiger produzierende ausländische Konkurrenz in Bedrängnis. Die Zahl der Schuhfabriken sank rapide, während die Arbeitslosenzahlen stiegen. Das Fehlen alternativer Berufsperspektiven führte zu einem starken Bevölkerungsrückgang. Während in den zwei Jahrhunderten zuvor viele
»Einpendler« aus der Umgebung nach Pirmasens gefahren waren, um dort zu arbeiten, überwiegen heute die »Auspendler«, die in den umliegenden Städten arbeiten.

 

Die Schuhindustrie im Pirmasenser Raum

[Bild: Deutsches Schuhmuseum Hauenstein]

Da der Sold der Regimenter von Landgraf Ludwig IX.gering war, nähten die Soldatenfrauen Stoffschuhe, um das Einkommen aufzubessern. Als der Landgraf 1790 starb, wurden die Soldaten mit einem Schlag arbeitslos. Nennenswertes Gewerbe gab es keines, so begannen auch ehemalige Soldaten, »Schlappen « zu fertigen. Die leichten Schuhe waren günstig herzustellen und auch über längere Strecken zu transportieren, sodass sie bis in die Schweiz und die Niederlande verkauft wurden.

Im Jahr 1802 fiel die Südwestpfalz an Frankreich, wodurch sich ein neuer, zollfreier Absatzmarkt eröffnete. In diesem Jahr wurden 50 Schuhmacher in Pirmasens verzeichnet. Als die Stadt nach Ende der napoleonischen Kriege zum Deutschen Bund kam, geriet die Schuhindustrie in eine Krise, da die Binnenzölle der zersplitterten Territorien den Absatz erschwerten. Nach Gründung des Zollvereins 1833 wurden Pirmasenser Schlappen auch in Preußen verkauft. Die Schuhmacherei hatte sich zum dominierenden Gewerbe der Stadt entwickelt, ganze Familien waren an Herstellung und Vertrieb der Schuhe beteiligt.

[Bild: Deutsches Schuhmuseum Hauenstein]

Große Veränderungen begannen Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Maschinisierung der Schuhproduktion. Zunehmend setzten Betriebe Näh-, Stanz- und Steppmaschinen ein, mit denen die Produktion beschleunigt wurde. 1892 waren es 98, 1905 bereits 168 Schuhfabriken, in denen zusammen mit den Zulieferbetrieben über 11.000 Schuhmacher arbeiteten. Auch in den umliegenden Dörfern wurden Schuhe industriell gefertigt, insbesondere in Hauenstein. Allmählich wurden die Pirmasenser Schuhe für ihre Qualität berühmt.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Aufwärtsbewegung. Zwangswirtschaft und Materialverknappung führten zu vielen Schließungen. In den 20er-Jahren blieb Pirmasens trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise das Zentrum der deutschen Schuhindustrie, ein Sechstel aller Schuhe im Land wurde hier hergestellt. In 263 Betrieben waren 13.726 Arbeiter beschäftigt. Hauenstein besaß zur gleichen Zeit 18 Betriebe mit 1.452 Arbeitern und war der zweitgrößte Produzent der Region. Im »Dritten Reich« litten die Schuhbetriebe erneut unter Material- und Produktionsbeschränkungen und ab 1939 unter Stilllegungen. Die absinkende Beschäftigtenzahl im Krieg kompensierten die Betriebe zum Teil durch die Einstellung von Zwangsarbeitern, die Ende Mai 1943 11 % der Beschäftigten der deutschen Schuhindustrie ausmachten. Ab 1940 wurden überdies Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen gezwungen, auf einer »Schuhprüfstrecke« den Abrieb von Ersatzstoffen in Schuhen zu testen. In den 50er-Jahren erholte sich die Wirtschaft rasch. Im Rekordjahr 1969 stellten in Pirmasens über 32.000 Arbeiter in der Schuhproduktion 62 Mio. Paar Schuhe her, doch in den 70er Jahren begann ein stetiger Rückgang in Verkauf und Umsatz. Viele Schuhbetriebe mussten schließen, einige verlagerten ihre Produktion ins Umland und in einem zweiten Schritt in Niedriglohnländer. Mit der Europäischen Wirtschaftsunion setzten günstige Schuhhersteller aus Ost- und Südeuropa die südwestpfälzischen Produzenten zusätzlich unter Druck. In Pirmasens beschäftigten 2003 noch 13 Schuhhersteller mindestens 20 Mitarbeiter, während im Landkreis Pirmasens 17 Betriebe der gleichen Größenordnung tätig waren. Die Zahl der Beschäftigten war von über 30.000 im Jahr 1960 auf ein Neuntel gesunken.

Nachweise

Verfasserinnen: Ute Engelen, Sabrina Erbach, Juliane Märker

Datum: Juni 2013

Kooperationspartner: Deutsches Schuhmuseum Hauenstein

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