Unternehmensgeschichte der Arnold Jung Lokomotivfabrik

1885: Gründung der Lokomotivfabrik in Kirchen an der Sieg

1993: Betriebsstilllegung

Von der Gründung zum Großbetrieb

Heissdampf-Güterzuglokomotive der Reichsbahn mit Speisewasser-Vorwärmer, 1935[Bild: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt]

Die Familie Jung betrieb seit 1758 mehrere Baumwollspinnereien in Kirchen an der Sieg und Umgebung, musste jedoch aufgrund von unzureichender Profitabilität ihre Fabriken schließen. Arnold Jung (1859-1911) war bereits in jungen Jahren am Lokomotivbau interessiert und gründete aufgrund dessen nach seinem Studium des Berg- und Hüttenfachs an der Technischen Hochschule Aachen, zusammen mit seinem Studienfreund Christian Staimer, die Lokomotivfabrik Jung und Staimer. Die zeitgenössischen Gegebenheiten der Stadt Kirchen und Umgebung waren günstig für die Gründung eines solchen Unternehmens. Einerseits gab es große Vorkommen von Eisenerz im Siegerland, andererseits wurde 1861 die Bahnstrecke Betzdorf – Haiger an die Ruhr-Sieg-Bahn angeschlossen. Die leerstehenden Fabrikhallen der ehemaligen Baumwollspinnereien seiner Familie machte sich Arnold Jung für sein neues Unternehmen zunutze und schaffte es, mit Hilfe von zunächst 25 Mitarbeitern, schon im Gründungsjahr 1885 die ersten Dampflokomotiven auszuliefern. [Anm. 1]

Schild des Unternehmens im Heimatmuseum Kirchen[Bild: Leyla Schultz]

Drei Jahre später starb Christian Staimer an einer Lungenkrankheit. Arnold Jung wurde alleiniger Inhaber der Firma, die von nun an Arnold Jung Locomotiv- und Maschinenfabrik hieß. [Anm. 2] Trotz des frühen Todes von Christian Staimer erlebte das Unternehmen ein stetiges Wachstum. Arnold Jung holte sich 1888 Unterstützung von Paul Pillnay, der als Betriebsleiter und Konstrukteur arbeitete. Innerhalb der ersten sechs Jahre nach Gründung wurden bereits 100 Lokomotiven verkauft; der Ausbau der Fabrikhallen sowie eine Expansion der Belegschaft – im Jahr 1895 waren hier etwa 150 Arbeiter tätig – hatten jetzt Priorität. [Anm. 3] Ab dem Jahr 1898 wurde Jung Staatsbahnlieferant und blieb seitdem ständiger Geschäftspartner der Länderbahnen bzw. späteren Reichs/Bundesbahnen. Außerdem spezialisierte das Unternehmen sich auf den Bau von Dampflokomotiven für normalspurige Haupt- und Nebenbahnen, für Schmalspurbahnen, für Industrie- und Bergwerke, für Forstwirtschaft, Plantagen, Bau- und ähnliche Betriebe. [Anm. 4] 1906 beschäftigte die Firma Jung 650 Mitarbeiter, 1910 waren es bereits 720, was die Lokomotivfabrik zum damals größten Arbeitgeber in Kirchen machte. 1909 wurde Jung zum Königlichen Kommerzienrat ernannt. [Anm. 5] Im Jahr 1911 starb Arnold Jung im Alter von nur 52 Jahren, woraufhin sein Schwiegersohn Paul Hintze die Leitung übernahm. Das Unternehmen wurde 1913 in eine GmbH umgewandelt. [Anm. 6]

Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit

Blick in die Arnold Jung Lokomotivfabrik um 1935[Bild: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt]

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges stand das Unternehmen großen Herausforderungen gegenüber: Zum Beispiel verlor sie anfangs durch die Wehrpflicht viele Mitarbeiter, deren Zahl von 969 auf 755 sank. Es gab weniger Exportaufträge. Das Unternehmen stellte nun u.a. Granaten und Geschosshülsen her. [Anm. 7] 1916 wurden der Lokomotivfabrik russische Kriegsgefangene zugeteilt, um den Mangel an Beschäftigten zu lindern. Die ersten Nachkriegsjahre brachten für das Unternehmen erneut eine Umstellung. Die Produktion für die Reichsbahn sowie den größten Lieferauftrag bisher, für die russische Staatsbahn im Jahr 1922, war jedoch erfolgreich. [Anm. 8]

Die darauffolgende Weltwirtschaftskrise machte jedoch auch dem Unternehmen wieder zu schaffen. Jung halbierte die Belegschaft von 1452 auf 760 Beschäftigte und im Jahr 1930 wurde das Werk wegen Auftragsmangel teilweise stillgelegt. Trotzdem bestand der Betrieb weiter, auch als die Mitarbeiterzahl immer weiter sank (1932 waren es 470 Arbeiter). [Anm. 9] Mitte der 1930er Jahre erlebte das Unternehmen allmählich wieder einen Aufschwung, der Konkurrenzdruck hatte abgenommen, es konnte wieder mehr exportiert werden. Im Jahr 1939 starb Paul Hintze, sein Sohn Arnold Hintze nahm von da an seinen Platz ein. [Anm. 10]

Der Zweite Weltkrieg und das Ende der Lokomotivfabrik

Jung-Lokomotive[Bild: Leyla Schultz]

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs bedeutete, wie bereits im Ersten, eine starke Einschränkung durch den Einzug vieler Mitarbeiter für den Kriegsdienst. Das Unternehmen erhielt jedoch einige Reichsbahnaufträge, im März 1942 sogar den Auftrag für die Entwicklung einer Kriegslokomotive. Im April 1944 waren schließlich wieder über 2.000 Personen im Betrieb tätig, darunter 292 Zwangsarbeiter, 69 Kriegsgefangene und 85 Fremdarbeiter. [Anm. 11] Als im Jahr 1945 ein Bombenangriff Kirchen traf, war auch das Werk Jungenthal betroffen, 25% der Betriebseinrichtung wurden zerstört. In der Nachkriegszeit erhielt die Firma viele Aufträge aus dem Ausland, zum Beispiel für die finnische Staatsbahn, aber auch aus Griechenland, der Türkei oder Spanien. [Anm. 12] Im Jahr 1959 verließ die letzte Dampflokomotive das Werk und im Jahr 1987 schließlich die letzte Lokomotive überhaupt, sodass es 1993 zur freiwilligen Betriebsstillegung kam.

Nach einigen Umstrukturierungen besteht das Werk heute als Jungenthal Wehrtechnik GmbH fort, welches sich auf die Konstruktion von Rad- und Kettenpanzern sowie Umbau und Reparaturarbeiten für deutsche Streitkräfte und NATO-Partner spezialisiert hat. [Anm. 13]

Verfasserin: Leyla Schultz

Erstellt am: 24.03.2020

Literatur:

  • Arn. Jung Lokomotivfabrik G.m.b.H. Jungenthal bei Kirchen a. d. Sieg, Köln [1935], URN: urn:nbn:de:tuda-tudigit-55475, Abruf 27.02.2020.
  • Chronik der Firma Jung, Jung Jungenthal. Tradition und Fortschritt, Kirchen an der Sieg 2010.
  • Jungenthal Wehrtechnik GmbH, URL: www.jungenthal-wt.de/das-unternehmen/, Abruf 27.02.2020.
  • Lauscher, Stefan; Moll, Gerhard: Jung Lokomotiven. Geschichte und Lokomotiven der Arn. Jung Lokomotivfabrik in Jungenthal 1885-1987, Freiburg 2012.

Anmerkungen:

  1. Chronik der Firma Jung, Jung Jungenthal. Tradition und Fortschritt, Kirchen an der Sieg 2010, S. 6f.  Zurück
  2. Lauscher, Stefan; Moll, Gerhard: Jung Lokomotiven. Geschichte und Lokomotiven der Arn. Jung Lokomotivfabrik in Jungenthal 1885-1987, Freiburg 2012, S. 13.  Zurück
  3. Lauscher/Moll 2012, S. 15 u. 19.  Zurück
  4. Siehe Arn. Jung Lokomotivfabrik G.m.b.H. Jungenthal bei Kirchen a. d. Sieg. Köln [1935], urn:nbn:de:tuda-tudigit-55475, Abruf 27.02.2020, S. 6.  Zurück
  5. Jung, Arnold (1859-1911), Rheinland-Pfälzische Bibliographie, 27.12.2011, http://www.rppd-rlp.de/pk05008, Abruf 06.03.2020.  Zurück
  6. Lauscher/Moll 2012, S. 40.  Zurück
  7. Lauscher/Moll 2012, S. 47.  Zurück
  8. Lauscher/Moll 2012, S. 55.  Zurück
  9. Lauscher/Moll 2012, S. 77.  Zurück
  10. Lauscher/Moll 2012, S. 87.  Zurück
  11. Lauscher/Moll 2012, S. 101.  Zurück
  12. Chronik d. Firma Jung, S. 26f.  Zurück
  13. Jungenthal Wehrtechnik GmbH, https://www.jungenthal-wt.de/das-unternehmen/, Abruf 27.02.2020.  Zurück