Blendax

1931: Übernahme von Dr. Hittel in Breslau

1930er Jahre: Beginn der Produktion in Mainz

1987: Verkauf an Procter & Gamble

Hochhaus der Blendax-Werke, 1960[Bild: Stadtarchiv Mainz, Foto Ludwig Richter]

Blendax war ursprünglich ein Tochterunternehmen des Mainzer Reinigungsmittelherstellers Werner & Mertz, der der Familie Schneider gehörte. Werner & Mertz übernahm 1931 den Zahnpastahersteller Dr. Hittel aus Breslau. [Anm. 1] Zunächst produzierte man in Gebäuden der Muttergesellschaft in Mainz, ab 1933 in eigenen Räumlichkeiten an der Gassnerallee bei der Kaiserbrücke. [Anm. 2] 1932 wurde die Marke Blendax eingeführt und einige Jahre später passte das Zahnpasta-Unternehmen seinen Namen an sein Produkt an. [Anm. 3]  Bereits 1933 wurden in Mainz auch die metallenen Zahnpastatuben selbst hergestellt. [Anm. 4]

Werbeanzeige aus den 1930er Jahren[Bild: Stadthistorisches Museum Mainz]

Hauptverantwortlich für den Erfolg war der Direktor Wilhelm Boelcke (29.8.1886-5.6.1954), der zuvor Vorstandsmitglied bei Werner & Mertz gewesen war. Er wurde von den Beschäftigten „Papa Boelcke“ genannt und leitete Blendax bis zu seinem Tod. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führte er betriebliche Zusatzleistungen wie eine Gewinnbeteiligung ein. [Anm. 5] Damit entsprach er dem gängigen Unternehmerbild seiner Zeit. [Anm. 6]

Wie Werner & Mertz dehnte sich Blendax in den 1930er und 1940er Jahren in Mittel- und Osteuropa aus und gründete hier Zweigunternehmen. [Anm. 7] 1939 wurden 43,5 Mio. Zahnpastatuben pro Jahr herstellt. [Anm. 8]

Weder Rudolf und Hermann Schneider noch der Personalleiter von Blendax Paul Harnischmacher waren Mitglieder der NSDAP, der Direktor Wilhelm Boelcke gehörte allerdings Unterlagen der Stadt Mainz zufolge der SA an. [Anm. 9] Blendax beschäftigte in Mainz Zwangsarbeiter, am 1. April 1943 waren es 18 Ukrainer. [Anm. 10] Aufgrund der Lage neben der strategisch wichtigen Kaiserbrücke hatte man Angriffe auf das Werk erwartet und bereits 1940 auch in Gera die Produktion aufgenommen. Hier waren bis 1948 bis zu 280 Beschäftigte tätig. [Anm. 11] Tatsächlich wurde das Mainzer Werk durch Bombenangriffe im August 1942 und im April 1943 stark zerstört. Nun verlagerte man die Produktion nach Eppstein im Taunus. [Anm. 12] Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gingen die Filialunternehmen im osteuropäischen Raum verloren. [Anm. 13]

Ausschnitt aus der Broschüre: Gesunde Zähne, Gesunder Körper von 1951/52[Bild: Stadthistorisches Museum Mainz]

1949 nahm Blendax mit 450 Beschäftigten wieder die Herstellung in Mainz auf. Die Beschäftigten waren überwiegend Frauen, aber auch nicht wenige Jugendliche. [Anm. 14] In den 1950er Jahren beschäftigte der Zahncremehersteller bereits 1.200 Mitarbeiter und verbuchte 20 Mio. DM Umsatz in 55 Ländern. Die Zahnpastafabrik galt als die größte in Europa. Pro Stunde wurden 19.000 Zahnpastatuben hergestellt. [Anm. 15] Im Jahr 1955 produzierte das Unternehmen insgesamt 42,6 Mio. Stück. [Anm. 16]

Werbung für die Zahnpasta Blendi[Bild: Stadthistorisches Museum Mainz]

Blendax wurde europäischer Marktführer mit seinen Zahncremes wie Blend-a-med, die in den frühen 1950er Jahren als medizinische Zahnpasta eingeführt wurde [Anm. 17] , und Blendi für Kinder, für die mit der Figur des Blendax-Max geworben wurde. Als Erfinderin der Zahnpasta Blend-a-med gilt die Apotherin Hertha Hafer, die spätere Eigentümerin der Phoenix-Apotheke in Mainz. Mit Margaret Astor gründete Blendax 1952 ein noch heute bekanntes Unternehmen, das später weiterverkauft wurde. [Anm. 18]

Forschung bei Blendax, Selbstdarstellung 1962[Bild: Stadthistorisches Museum Mainz]

Das Unternehmen erweiterte sein Sortiment um Kosmetika und Badebedarf, u.a. mit den Marken Kamill und Shamtu. Blendax verfügte auch über Beteiligungsgesellschaften für Abfüllung, Verpackung und die Seifenherstellung. 1963 erwirtschaftete Blendax 67, 1969 schon 175 Mio. DM Umsatz. [Anm. 19] Die Geschäftsleitung legte Wert darauf, dass Blendax ein forschendes Unternehmen war. So führt eine mehrsprachige Selbstdarstellung im Jahr 1962 sieben universitäre Kooperationspartner in Deutschland und fünf im europäischen Ausland auf. [Anm. 20]

Bahnsteighalle des Hauptbahnhofs mit Reklame der Firma Blendax, um 1960[Bild: Stadtarchiv Mainz, Foto Ludwig Richter]

Wer in den 1950er Jahren Mainz besuchte, las am Ausgang des Hauptbahnhofs auf einem Fenster „Willkommen in Mainz, der Heimat von Blendax“[Anm. 21].

In der Nachkriegszeit teilten die Gebrüder Rudolf und Hermann Schneider Blendax und Werner & Mertz unter sich auf. Dennoch bestanden gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Unternehmen fort (so hatte Blendax auch einen Standort im österreichischen Hallein). [Anm. 22] Blendax hatte Ende der 1960er Jahre mit über 2.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr Mitarbeiter als das Schwesterunternehmen. [Anm. 23] Mit 2.300 Mitarbeitern im Jahr 1987 [Anm. 24] war vermutlich der Höhepunkt der Beschäftigung erreicht. Rund ein Fünftel des Umsatzes wurde durch Export erwirtschaftet. [Anm. 25]

Im Gegensatz zu anderen Mainzer Chemieherstellern gab es bei Blendax offensichtlich kaum Beanstandungen durch die Gewerbeaufsicht. [Anm. 26] Blendax ließ sich beim Wiederaufbau in der Gassnerallee in den frühen 1950er Jahren von der Gewerbeaufsicht bezüglich der Beleuchtung und Farbgestaltung beraten lassen, „da auch arbeitsmedizinisch und psychologisch zweckmässige (sic) Ausgestaltung der Räume Wert gelegt“ [Anm. 27] wurde.

Internationale Werbung für Blendax aus den 1950er Jahren[Bild: Stadthistorisches Museum Mainz]

Pläne vom Ende der 1960er Jahre, sich nach Bretzenheim zu verlagern, wurden von der Stadt Mainz im Rahmen der Gewerbeförderung u.a. durch den Erwerb von Grundstücken unterstützt. [Anm. 28] Blendax verwarf die Pläne jedoch und erwog eine Ansiedlung in Hechtsheim in der Nähe des Jenaer Glaswerks Schott & Gen. Auch diese wurde nicht realisiert. [Anm. 29] Die direkt nach Kriegsende eilig hochgezogenen Gebäude galten aber einige Jahrzehnte später nicht mehr als zweckmäßig: „Räumliche Enge, ungünstige Verteilung der Produktionsstätten – es ist nach dem Krieg halt so gebaut worden, wie man gerade Geld hatte.“ [Anm. 30]

Als Blendax 1987 an den Konkurrenten Procter & Gamble veräußert wurde, betrug der Jahresumsatz rund 550 Mio. DM. [Anm. 31] Für Procter & Gamble ermöglichte die Übernahme von Blendax den erfolgreichen Einstieg in den europäischen Markt. [Anm. 32] Nach eigener Aussage konnte es „mit dem Erwerb der Blendax Firmengruppe im Dezember 1987 seine Position in den Märkten für Haut-, Mund- und Haarpflegemittel wesentlich ausbauen.“ [Anm. 33] In den folgenden Jahren wurde der Standort Mainz verkleinert und 2002 endgültig geschlossen. [Anm. 34] Blend-a-med aber wird noch heute von Procter & Gamble hergestellt.

Ute Engelen, 20. April 2020

Quellen und Literatur:

 

  • HStAWi, 483 Nr. 7328.
  • LA Speyer
    • N 12, Z 1595 Nr. 84
    • N 12 Z 1595 Nr. 858
  • StA Mainz
    • 100/1981/20/6
    • 100/2003/7/1
    • 100/2003/7/46
  • Stadthistorisches Museum Mainz
    • Blendax (Hg.), Selbstdarstellung, Mainz 1962
    • Zur Erinnerung an Wilhelm Boelcke, 1954
    • Blendax (Hg.), Gesunde Zähne, Gesunder Körper. Sonderheft: Die Fortschritte in der Zahnhygiene, Mainz, 1951/52.
  • Helmut Beichert (Hg.), Mainz. Porträt einer wiedererstandenen Stadt, Mainz ²1985.
  • Blendax (Hg.), Blendax … erst 25 Jahre alt. Ein Bericht über die Gründung und die ersten 25 Jahre der Blendax-Werke in Mainz, Mainz 1957.
  • Erich Dombrowski/Emil Kraus/Karl Schramm (Hg.), Wie es war. Mainzer Schicksalsjahre 1945-48, Mainz 1965.
  • David Dyer/Frederick Dalzell/Rowena Olegario, Rising Tide. Lessons from 165 Years of Brand Building at Procter & Gamble, Boston 2004.
  • Ute Engelen, Hertha Hafer - Die „Blendax' Chefapothekerin“, in: Susanne Kern, Petra Plättner (Hrsg.), Frauen in Rheinhessen. 1816 bis heute, Mainz 2015, S. 175-180, online verfügbar unter https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/biographien/hafer-hertha.html.
  • Globalisierung führte zu Produktionsverlagerung. Für Blendax fällt in Mainz bald der Vorhang, in: Mainzer Wirtschaftsbrief. Nachrichten aus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, April 2001.
  • Hoch gepokert. Der Konsumgüter-Multi Procter & Gamble hat es geschafft: Blendax wird amerikanisch, in: Der Spiegel, Nr. 33, 10.8.1987.
  • Günter Mühl, Europas größte Zahnpastafabrik, in: Das neue Mainz (1953).
  • Paul Friedrich Weber (Hg.), Das neue Mainz. Bildband vom Wiederaufbau einer Stadt, Offenbach 1970.
  • Procter & Gamble (Hg.), Menschen, Marken, Märkte. 30 Jahre Procter & Gamble in Deutschland, Bad Schwalbach 1990.
  • Werner & Mertz (Hg.), 1901-2001. 100 Jahre Erdal. Markenqualität im Zeichen des Frosches, Mainz 2001.
  • Werner & Mertz (Hg.), Werner & Mertz Historie von 1867-1994, Mainz 1994.

 

Anmerkungen:

  1. Zu den Anfängen von Blendax siehe Blendax 1957, S. 2ff.   Zurück
  2. Ebd., S. 6, 13.  Zurück
  3. Werner & Mertz 1994. Zurück
  4. Blendax 1957, S. 15.  Zurück
  5. Zur Erinnerung an Wilhelm Boelcke, 1954, Stadthistorisches Museum Mainz.  Zurück
  6. Vgl. z.B. Heinrich Nordhoff bei Volkswagen.  Zurück
  7. Werner & Mertz 2001, S. 97.  Zurück
  8. Blendax 1957, S. 14.  Zurück
  9. Antrag auf Entschädigung für erlittenen Kriegssachschaden oder Plünderungsschaden, 4.7.1947, StA Mainz, 100/1981/20/6.  Zurück
  10. HStAWi, 483 Nr. 7328.  Zurück
  11. Blendax 1957, S. 22f.  Zurück
  12. Dombrowski/ Kraus/ Schramm 1965, S. 171. Zur Dokumentation der Kriegsschäden siehe StA Mainz, 100/1981/20/6.  Zurück
  13. Werner & Mertz 2001, S. 97.  Zurück
  14. Dienstreisebericht über eine Betriebsbesichtigung der Blendax-Werke, Mainz, am 14. April 1953 (Fabrik für Zahnpasten und kosmetische Präparate), LA Speyer, N 12, Z 1595 Nr. 84.  Zurück
  15. Blendax 1957, S. 31; Mühl 1953.  Zurück
  16. Blendax 1957, S. 31.  Zurück
  17. Engelen 2015.  Zurück
  18. Beichert 1985, S. 261.  Zurück
  19. Beichert 1985, S. 263f.; Weber 1970, S. 224, 240.  Zurück
  20. Blendax (Hg.), Selbstdarstellung, Mainz 1962, Stadthistorisches Museum Mainz.  Zurück
  21. Mühl 1953. Zurück
  22. Werner & Mertz 1994; Werner & Mertz 2001.  Zurück
  23. Weber 1970, S. 224.  Zurück
  24. Hoch gepokert 1987.  Zurück
  25. Beichert 1985, S. 263f.  Zurück
  26. LA Speyer, N 12 Z 1595 Nr. 84 u. 858.  Zurück
  27. Staatlicher Gewerbearzt an Gewerbeaufsichtsamt, 6.11.1953, LA Speyer, N 12, Z 1595 Nr. 84.  Zurück
  28. Auszug aus der Niederschrift über die Sitzung des Liegenschaftsausschusses am 4.12. 1969, StA Mainz, 100/2003/7/1. Siehe auch 100/2003/7/46.  Zurück
  29. Auszug aus der Niederschrift über die Sitzung des Stadtvorstandes am 16.12.1974, StA Mainz, 100/2003/7/1.  Zurück
  30. Globalisierung führte zu Produktionsverlagerung 2001.  Zurück
  31. Beichert 1985, S. 263f.; Weber 1970, S. 224, 240.  Zurück
  32. Dyer/Dalzell/Olegario 2004, S. 203.  Zurück
  33. Procter & Gamble 1990, S. 21.  Zurück
  34. Globalisierung führte zu Produktionsverlagerung 2001.  Zurück